[Rezension] Herr Sturm und die Farbe des Windes

HerrSturmUndDieFarbeDesWindes_03Mit einem fulminanten Sprung direkt hinein in diesen Roman beweist Jens Böttcher einmal mehr, dass er ein Wortakrobat vom Feinsten ist. (Wagt auf jeden Fall mal einen Blick auf seine Homepage! Er schreibt wunderbare Texte und Musik!)

Richard Sturm, der den Regen als oft tröstlichen Begleiter in seinem seit drei Jahren recht trostlosen Leben sieht, ist auf dem Weg zu einer Adresse in Hamburg, die er per Brief erhalten hat. Dem voraus ging, dass er auf eine Annonce in der Zeitung geantwortet hatte, in der ein Schriftsteller für einen mysteriösen Auftrag gesucht wurde.

Besonderer Auftrag für interessierten Schriftsteller, der mit der Löschtaste umgehen kann. Exquisites Honorar. (S. 15)

Sturm lernt Herrn Bischoff kennen, der ihm beim ersten Treffen den Auftrag etwas näher bringt. Er solle zwölf Gespräche mit verschiedensten Menschen führen, solle herausfinden, was Weiterlesen

[Rezension] Das verborgene Wort

Ulla Hahn, 1946 im Sauerland geboren, wuchs im Rheinland auf. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und promovierte in Germanistik. Nach Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten arbeitete sie als Redakteurin für Literatur beim Rundfunk in Bremen. Sie wurde mit zahlreichen Preisen für ihr Werk (vor allem Lyrik) ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis 1981. „Das verborgene Wort“ war nach „Ein Mann im Haus“ (1991) ihr zweiter veröffentlichter Roman. Sie lebt mit ihrem Mann in Hamburg.
Das_verborgene_WortDie Hauptfigur in „Das verborgene Wort“ lernen wir auf den etwas über 600 Seiten des Romans sehr gut kennen. 1945 in Dondorf bei Köln geboren, wächst Hildegard Palm in diesem Dorf auf. Der Vater ist ein ungelernter Arbeiter und schuftet hart, um die Familie zu ernähren. Seinen Frust ertränkt er im Alkohol. Die Mutter, die mit den Kindern daheim ist und mit Putz- und Gelegenheitsjobs zur Familienkasse beiträgt, verweist immer auf den Vater, wenn es um erzieherische Maßnahmen geht. Diese fallen oft sehr hart aus, nicht selten gibt es Prügel. Mit im Häuschen wohnen Weiterlesen

[Rezension] Die Liebenden

Gerhard Henschel, 1962 in Hannover geboren, lebt als freier Schriftsteller bei Berlin (oder bei Hamburg – dazu finden sich verschiedene Angaben). Erste Texte von ihm erschienen Ende der 80er Jahre in Zeitschriften, von 1993 bis 1995 gehörte er der Redaktion vom Satiremagazin „Titanic“ an. Seit 1992 veröffentlichte er diverse Sachbücher, Erzählungen und Romane und wurde unter anderem mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis 2012 ausgezeichnet. Diesen bekamen vor und nach ihm zum Beispiel Siegfried Lenz, Herta Müller und aktuell Hanns-Josef Ortheil. Neben dem eigenen Schreiben übersetzte Gerhard Henschel zudem aus dem Englischen (bisher vor allem gemeinsam mit anderen Übersetzern).

Ein Briefroman! Einmal mehr wieder kam mir dieses Genre zwischen die Finger und einmal mehr erinnert mich die Lektüre daran, dass ich doch schon immer mal Goethes „Werther“ lesen wollte und noch immer nicht dazu kam. An diesen über 700 Seiten las ich fast zwei Monate und schrieb erstmals wieder ein paar Karten, sogar einen sechsseitigen Brief! Soviel schon mal als vorweggenommenes persönliches Fazit – der Roman inspiriert zum Schreiben von Briefen, so richtig mit Papier und Füller und Briefmarke. Wenn das mal nichts ist!

Die_LiebendenViele verschiedene Briefschreiber erzählen sehr persönlich gut fünfzig Jahre deutscher Geschichte. Die Familie Schlosser und die Familie Lüttjes stehen im Mittelpunkt, genauer gesagt (ab etwa Seite 100) Richard Schlosser und Ingeborg Lüttjes. Die beiden werden im Herbst 1950 ein Paar, während Inge in Hannover ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin beendet und Richard dort sein Ingenieursstudium aufnimmt. Zu dem Zeitpunkt haben die beiden (er: Jahrgang 1927, sie: Jahrgang 1929) schon Einiges hinter sich. Beide Familien Weiterlesen

[Rezension] Briefe von Hans

Susanna Maibaum wurde 1972 geboren und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Marburg. Sie ist Erzieherin und arbeitet in einem evangelischen Familienzentrum. Außerdem ist sie als Lektorin tätig und schreibt Kinder- und Jugendbücher, mit denen sie auf unterhaltsame Weise Wissen vermitteln möchte. Weitere Bücher von ihr sind „Was passiert mit Hilde Mück?“ (2012) und „Davids Geschichte“ (2014).

Briefe_von_Hans_Cover„Briefe von Hans“ besteht hauptsächlich aus den Briefen der Brüder Hans und Friedrich Bärmann aneinander, die zwischen dem 3. August 1914 und dem 26. April 1917 geschrieben wurden. Hans ist als der Ältere von beiden im ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich, während Friedrich mit seinen 14 Jahren noch zur Schule geht. Friedrich ist darüber sehr unglücklich Weiterlesen

[Rezension] Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

DieSonderbareBuchhandlungDesMrPenumbraAutor:
Robin Sloan, 1979 in der Nähe von Detroit geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Michigan State University. Er lebt in San Francisco und arbeitete für verschiedene Firmen, die sich dem Internet verschrieben haben, unter anderem Twitter. 2012 erschien sein Debutroman „Mr. Penumbra’s 24-hour-bookstore“ in den USA und wurde sofort ein Bestseller. Den Entwurf für seinen nächsten Roman hat er inzwischen beendet, mal sehen, wann der veröffentlicht wird.

Inhalt:
Clay Jannon, eigentlich Webdesinger, ist wegen der Lebensmittelkrise arbeitslos. Zufällig stößt er bei seiner Jobsuche auf eine Buchhandlung mit dem alten verschobenen Besitzer Penumbra. Schnell bekommt er heraus, dass diese Buchhandlung ein Geheimnis birgt und versucht gemeinsam mit Freunden, dies zu ergründen. Was hat es mit den sogenannten Logbüchern auf sich? Weiterlesen

[Rezension] Freischwimmer – Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr

Nach etlichen Romanen fand ich gestern, es sei mal wieder Zeit für ein Sachbuch. Nach einem kurzen Blick in den heimischen Bücherschrank entschied ich mich für den „Freischwimmer“ von Torsten Hebel. Dieses Buch erstanden wir auf Wunsch von Mr. Son auf der Buchmesse im Oktober, nachdem wir einem Interview von Daniel Schneider und Torsten Hebel gelauscht hatten. Und das Buch hat mich umgehauen! Nun las ich es in weniger als zwanzig Stunden durch – natürlich mit den notwendigen Pausen für Essen, Schlafen, das Kind für die Schule präparieren, einmal in die Stadt fahren und zurück, Wäsche waschen et cetera. Trotzdem schon durch. Das passiert mir selten.

FreischwimmerWorum geht es?
Der Autor wurde nach der Schule erst Tischler, dann Schauspieler und schließlich Theologe. Nach verschiedenen beruflichen Stationen war er ein gefragter Redner und Evangelist und sprach viel bei christlichen Jugendevents. Doch irgendwann fühlte sich alles falsch an. Er zweifelte an den genutzen Evangelisationsmethoden, am Glauben an sich und stellte selbst die Existenz Gottes total in Frage. Er hatte seinen Glauben verloren und hatte das Gefühl, irgendwie müsse er zurück. Aber die Antworten, die er bisher für die Fragen im Leben so gehabt hatte, erwiesen sich nicht mehr als tragfähig. Zurück ging also nicht.

Wie also weiter? Er beschloss, mit Menschen zu reden, von denen er dachte, dass sie selbst glauben. Stellte Fragen, sprach offen von seinen Zweifeln und wollte eine Spur finden, auf der er selbst zumindest wieder nach einer Art Glauben suchen konnte. Vom Glaubenden zum Suchenden.

Gemeinsam mit Daniel Schneider (Journalist & Theologe) und Lea Rebecca Wörner (Fotografin) machte er sich auf den Weg und sprach mit verschiedensten Menschen, die er nicht vorwarnte, was auf sie zukommen würde.

Die Gespräche sind in diesem Buch protokolliert, umrahmt von Gedanken, Biografie, Gedanken zu den Gesprächen. Eben eine gedankliche Reise. Ziel offen. Jeder der befragten Menschen (unter anderem Andreas Malessa, Christina Brudereck, Klaus Göttler) reagiert anders auf die Fragen. Manche erzählen mehr, manche hinterfragen mehr – eine spannende Mischung ist entstanden.
Die natürlich inspiriert, selbst zu hinterfragen. Welches Gottesbild habe ich als Leser? Passt das noch?

Persönlich fand ich einiges an neuen Gedanken, was mich freute. Und vom ersten Eindruck zumindest spornt mich diese Lektüre an, tiefer zu graben. Mal sehen, wie lange das anhält. Besonders toll fand ich das Gespräch mit Bettina Becker. Zum einen, weil sie quasi in meiner alten Heimat (Magdeburg) lebt und zum anderen, weil sie im Hinblick auf die sogenannte „Bekehrung“ sagte:

„Jesus spricht davon, dass wir Menschen zu Jüngern machen sollen und nicht zu einmal bekehrten Leuten. Und ich nehme ganz stark an, dass Jesus die Leute selbst einladen kann, ohne dass er mich als Mittlerin braucht. Ich vermute sogar, dass manche Leute Jesus schon längst nachfolgen, ohne es zu wissen, und andere ihm nicht nachfolgen, obwohl sie davon überzeugt sind.“ (Zitat aus dem Buch, Seite 221).

Matth_28_19Dieses Zitat fand ich so stark, dass ich es direkt mit in meine Journaling-Bibel übernahm als Notiz. Und beim Lesen fiel mir da direkt noch ins Auge, dass quasi direkt nach Jesu Auferstehung, als die Jünger ihn noch mal als menschliche Person sahen, einige zweifelten. Wen wundert es also, wenn wir auch heute immer wieder ins Zweifeln kommen?

Das Ende des Buches fand ich überraschend. Wäre es ein Roman, würde ich sagen, „nicht ganz schlüssig“, aber es ist ja ein Sachbuch. Aber eins, das seine Leser mindestens so sehr in seinen Bann ziehen kann, wie ein spannender Roman.

Chapeau! Vielen Dank für Ihre Offenheit, Herr Hebel!

Torsten Hebel & Daniel Schneider: „Freischwimmer – Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr“,SCM Verlag 2015. 255 Seiten. ISBN 978-3-7751-5645-5

[Rezension] Bärentöter – Der Auserwählte

BärentöterZum Autor:
Dr. Roland Pauler, 1954 in Bamberg geboren, studierte Geschichte, Altphilologie und Germanistik und hat eine beachtliche Laufbahn als Historiker hinter sich. Zum Mittelalter hat er schon so einiges veröffentlicht, sowohl Sachbücher als auch Belletristik. 2004 zog er sich aus privaten Gründen aus der Lehrtätigkeit zurück und widmet sich seitdem seiner Familie und der Schriftstellerei. Er lebt bei Passau.

Inhalt:
Kurz vor Weihnachten wurde der Bauer Bert von Räubern ermordet, nun steht seine Witwe Lisa mit drei Kindern allein da und Wilfried, der älteste Sohn muss mit seinen vierzehn Jahren kräftig mit anpacken. Als der Kaufmann & Viehtreiber Zoltán im Mai schon mit seiner Herde vorbei kommt statt wie üblich erst im Herbst, ist die Überraschung groß. Die Erklärung ist einfach: In Italien wütet die Pest, daher lässt er diese Route ausfallen.
Wilfried ist froh, dass er Zoltán als Treiber mit begleiten darf Weiterlesen