Frauen in Ausnahmesituationen und wie sie sich zu helfen wissen – „Der Frauenchor von Chilbury“ von Jennifer Ryan

Historischer Roman, Jennifer RyanInhalt:

Der Roman spielt während dem zweiten Weltkrieg im Südosten Englands. Er beginnt mit der offiziellen Bekanntmachung, dass der Chor von Chilbury aufgelöst wird, weil die Männer fehlen.

„Zuerst jagen sie unsere Männer in die Schlacht, dann zwingen sie uns Frauen zur Arbeit, und jetzt nehmen sie uns auch noch den Chor weg. Wenn das so weitergeht, finden die Deutschen hier nur noch einen Haufen verbitterter Weiber, die sich sang- und klanglos ergeben.“ (S. 9)

Direkt im Anschluss lernen wir Mrs. Tilling kennen, die in ihrem Journal von den Vorgängen und ihren Beobachtungen in Chilbury erzählt. Ihr Mann ist bereits gefallen und ihr Sohn hat sich direkt mit 18 Jahren zum Kriegsdienst gemeldet. Er soll in Kürze Richtung Frankreich aufbrechen.
Ein widerwärtiger junger Mann aus dem Dorf – während eines Einsatzes im U-Boot „in die Luft gejagt“ – wurde gerade beerdigt. Seine Witwe ist schwanger. Und sein Vater, der um Ansehen und Vermögen fürchtet, hofft auf einen männlichen Erben, der ihm nach dem Tod seines Sohnes leider fehlt. Zum Glück für ihn ist seine Frau aber nochmal schwanger.

Glücklicherweise entscheiden sich die Frauen nach einigem Hin und Her dazu, den Chor als Frauenchor weiterzuführen. Sie proben wöchentlich, nehmen Anteil am Leben der anderen und treten sogar bei Chorwettbewerben auf. Sie werden durch den Krieg dazu gezwungen, sich für sich selbst und andere einzusetzen. Ganz normale Frauen bekommen plötzlich eine Stimme, die sie zuvor nicht hatten; sie werden wahrgenommen und gehört. Ihre Emanzipation kommt einen großen Schritt weiter.
Als ein Künstler sich ausgerechnet in dem kleinen Dorf niederlässt, rätseln die Bewohner, was es mit dem wohl auf sich haben mag. Was tut er den ganzen Tag, weshalb kam er nach Chilbury und wie zum Geier bestreitet er seinen Lebensunterhalt? Die Gerüchteküche kocht. Das Leben geht seinen Gang, immer wieder unterbrochen von Sirenenklängen, Entwarnungen und den darauf folgenden Suchaktionen und (schlechten) Nachrichten.

„Musik lässt uns über uns hinauswachsen, hilft uns über Sorgen und Leid hinweg und gibt den Blick frei auf eine andere Welt, auf das Große und Ganze.“ (S. 145)

Englische Soldaten und Generäle müssen immer wieder in Privatquartieren untergebracht werden. Mrs. Tilling ist diejenige, die die Quartiere in Chilbury organisiert. Als ihr Sohn im Krieg und damit ein Zimmer in ihrem Haus frei geworden ist, muss sie plötzlich selbst einen Gast aufnehmen; wenig erfreulich. Aber: sie erkennt, dass die erlebten Todesfälle und der Verlust ihr Leben beherrschen. Dass es Zeit ist, loszulassen.
Als das erste Mal Bomben über Chilbury abgeworfen werden, gibt es Todesopfer und die Zukunft des sowieso schon auf die Frauen reduzierten Chores steht erneut in Frage. Kann man überhaupt noch singen im Angesicht des vielen Leides?

Figuren:

Eine der Frauen handelt recht fies und unmoralisch, aber mit der Zeit entwickelt man zumindest ein gewisses Verständnis für sie. Was treibt sie an, wie kam es dazu? Dieses Entdecken und Kennenlernen finde ich toll! Wenn ich selbst die Person, die mir am wenigsten gefällt, nach und nach verstehen lerne.

Insgesamt sind die Figuren in „Chilbury“ gut durchdacht von der Autorin. Durch die für den Roman gewählte Form kann man als Leser tief in ihre Seelen blicken. Jede der Figuren stößt auf Situationen, die die eigenen Einstellungen hinterfragen und zu einer persönlichen Weiterentwicklung zwingen.

Was mir sonst noch auffiel:

  • Die Widmung klingt sympathisch, die Danksagungen bringen ein wenig Hintergrundinformationen zur Story.
  • Interessante Form: Statt in Kapitel ist der Roman in Briefe und Tagebucheinträge unterteilt.
  • Auch wenn die Figuren detailliert ausgearbeitet sind – alle Namen auseinanderzuhalten fiel mir hin und wieder schwer. Ein Personenregister hätte Abhilfe schaffen können.
  • Der Roman sorgt zuweilen (zumindest bei mir) für Dankbarkeit. Allein schon dafür, in Frieden leben zu können.
  • Ich fand viele kluge Sätze, die ich mir abschrieb.

Mein Fazit:

Dieser Roman ist ein fein gewebter Klangteppich über die verbindende Kraft der Musik.

Informationen:

Jennifer Ryan: „Der Frauenchor von Chilbury“, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2017. Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien. 480 Seiten für 19,99 Euro. ISBN 978-3-462-04884-1

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