Von altjapanischer Musik, einer liebenswerten Buchhandlung und sich begegnenden Künstlerseelen – „Liebesnähe“ von Hanns-Josef Ortheil

Zum Inhalt (Achtung, Spoiler! Wenn Du das Buch noch nicht gelesen hast, solltest Du diesen Text nur mit großer Vorsicht genießen.):

Cover LiebesnäheAls Leser begleiten wir in erster Linie Jule und Johannes. Ihre erste Begegnung, die gegenseitige Faszination, die vorsichtige Annäherung ohne direkte Gespräche. Ein schweigendes Sich-näher-kommen mit kleinen Nachrichten auf unterschiedlichsten Wegen. Auch Katharina läuft mir als Leser immer wieder über den Weg und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie bei diesem vorsichtigen Kennenlernen auf undurchsichtige Art und Weise die Finger im Spiel hat.

Autor trifft Künstlerin

Johannes Kirchner kommt an. Mit dem Auto an einem Spätsommermorgen. Rückzug in die Stille zugunsten seines Projekts. Vom Zimmer aus ruft er als erstes Katharina an, die die hoteleigene Buchhandlung führt. Ich frage mich: Was sind seine „üblichen Tagesgeschäfte“? (S. 9)

Jule Danner kommt am gleichen Tag an. Aus München. Mit Zug und Hotelbus. Nimmt die Geräuschkulisse auf. Eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft ruft auch sie in der Buchhandlung an.

Zwei Gäste, die im am gleichen Tag im selben Hotel einchecken und auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Was sie jedoch verbindet: beide kennen die Frau, die die hoteleigene Buchhandlung führt. Zufall?

Johannes beschreibt ein Blatt, das er kurzerhand aus seinem Notizheft reißt und versteckt diesen Zettel in einer Bank, nachdem er Jule zufällig beim Schwimmen gesehen hat. (S. 37) Ob sie die Nachricht finden wird?

Jede der Figuren hat ihre liebenswerten Eigenheiten, durch die sie für den Leser absolut greifbar, wenn auch nicht immer nachvollziehbar, werden. Auch Geheimnisse gibt es, so dass es nicht langweilig oder vorhersehbar wird.

Zum Beispiel schreibt Jule gern auf Hotelbriefpapier. Sie schreibt „diese schönen Bögen“ voll, schickt sich die Notizen an die eigene Adresse und besitzt schon eine ordentliche Sammlung derartiger Post. (S. 42)

Johannes sieht Jule im Aufzug wieder, erahnt eine im Entstehen begriffene Verbindung zwischen ihnen beiden. Er folgt ihr, stellt aber fest, dass sie zur Buchhandlung will und macht kehrt. Lea, eine Angestellte an der Rezeption, verrät Johannes nach einigem Hin und Her den Nachnamen und die Zimmernummer von Jule. Johannes macht sich diese Info zunutze und hinterlässt eine Notiz für Jule in ihrem Hotelzimmer. (S. 73)

Jule und Johannes denken viel übereinander nach und versuchen, hinter das Geheimnis des jeweils anderen zu kommen. Beide können sich nicht vorstellen, was der andere beruflich machen könnte, schätzen einander dennoch ein. Es ist wie ein Sog, der vom unbekannten Gegenüber ausgeht.

Als Leser frage ich mich immer wieder:
Was macht diese unbändige Faszination aus?
Ich frage mich: Wie genau gehören Jule und Katharina zusammen? Und ist Jule eine Künstlerin?

Jule schickt per SMS die nächste Nachricht dieser geheimnisvollen Kommunikation an Johannes. Nur vier kleine Worte:
„the artist is present“ (S. 125)

Jule und Johannes spielen „the artist is present“ nach. Erkennen einander. Das Ganze ist ergreifend beschrieben, wenn auch nicht unbedingt rational nachvollziehbar. (S. 140 – 144) Diese Szene hat mich wohl am meisten beeindruckt. Dicht gepackte Intensität, mit der die Begegnung der beiden Menschen in Worte gepackt wird – einfach umwerfend!

Bis hierher geht Teil 1 des Romans. „Die Annäherung“ endet damit nach 13 Kapiteln.

Stil und Form:

Der Roman ist in drei Teile gegliedert:

  • Die Annäherung (Kap. 1 – 13)
  • Die Nähe (Kap. 14 – 27)
  • Die Liebesnähe (Kap. 28 – 40)

Was mir gefällt:

Teilweise lange Kettensätze über mehrere Zeilen. Ich liebe diese langen, verschachtelten Sätze, wenn das Buch dazu noch toll geschrieben ist!

Die vielen Verweise auf Musik, Kunst und Literatur, die immer wieder neugierig auf mehr machen.

Die Protagonisten haben wundervolle Berufe: Schreiberling, Künstlerin und Buchhändlerin – was will man mehr???

Ein weiterer Bonus sind aus meiner Sicht die Ideen zum Umgang mit Schreibblockaden, die durch ertragenes Leid entstanden sind (vgl. S. 322 – 327).

Was mir missfällt:

Jule spricht zuweilen druckreif. Zum Beispiel in dem Monolog, in dem sie Katharina erklärt, wie die Lektüre des „Kopfkissenbuchs“ sie verändert und zu ihrem aktuellen Projekt inspiriert hat. (Vgl. S. 191; 194ff.) Dieses druckreife „Reden“ ist etwas, wo ich als Leser ins Zweifeln komme ob der Glaubwürdigkeit der Charaktere.

Gemeinsamkeiten von Johannes und Jule:

Beide kennen

  • die Bambusflöte
  • die Performance in New York „the artist is present“ und
  • das Kopfkissenbuch – „diese geheimnisvolle asiatische Lektüre“ (S. 163?)

Diese Bücher spielen eine Rolle:

Es wird immer wieder zitiert aus ihnen oder anderweitig Bezug darauf genommen. Mir hat es sehr viel Freude gemacht, auf diesem Umweg ein wenig über diese Klassiker zu erfahren und eines davon merke ich mir auf jeden Fall für meine Lesewunschliste.

Müsste ich diesen Roman in eine Schublade packen, würde auf dieser wohl etwas stehen wie: zauberhafte Liebesgeschichte mit ausgefeilten Charakteren, literarisch grandios! Liebe, Sehnsucht und Tod sind die großen Themen. Dazu die Suche nach einer Sprache der Nähe / Sprache der Liebe.

Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, wurde in Köln geboren. Er ist nicht nur ein häufig preisgekrönter Autor, sondern auch Professor an der Uni Hildesheim (für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus). Er lebt in Stuttgart.

Seine Bücher sind zwar immer wieder nah dran am Kitsch, aber in ihnen finde ich so viele schöne Sätze und Beobachtungen, dass ich sie immer wieder gerne lese. (Zumindest ging es mir mit den ersten zwei Büchern von ihm so, die ich bisher von ihm kenne.)

Hanns-Josef Ortheil: „Liebesnähe“, Sonderausgabe im btb Verlag, 2015.
504 Seiten für 10,99 Euro. ISBN 978-3-442-74896-9 (Originalausgabe: Luchterhand, 2007)

Ein Gedanke zu „Von altjapanischer Musik, einer liebenswerten Buchhandlung und sich begegnenden Künstlerseelen – „Liebesnähe“ von Hanns-Josef Ortheil

  1. Ah, Ortheil. Eine ganz besondere Klasse. Ich habe deine Rezension nicht ganz gelesen, weil ich das Buch noch nicht kenne. Doch ich habe es schon auf dem Schirm, bzw. eBook-Reader.
    Dein Fazit habe ich gelesen, wobei mich persönlich „Teilweise lange Kettensätze über mehrere Zeilen. “ eher abschrecken. Doch die Beschäftigung mit Literatur in einem Buch fasziniert mich immer wieder.
    Ich werde den Link auf diese Rezi abspichern und ganz lesen, wenn ich auch das Buch gelesen habe.
    Viele Grüße
    Silvia

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