Hello, Mrs. Father! – Miriam Gross schreibt aus NYC

Das vorliegende Buch entstand aus einem Blog. Allerdings sind die Beiträge, die ihren Weg ins Buch fanden, anscheinend nicht mehr auf dem Blog zu finden. (Okay. Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Die Autorin Miriam Gross ist 1976 in Franken (Deutschland) geboren und aufgewachsen. Als Pfarrerin war sie bereits in Orkney (Schottland) und München. Nun ist sie mit ihrer Familie in New York City.

Das Buch setzt keine zwei Wochen vor dem großen Tag ein: Umzug. Von Deutschland weg, für sechs Jahre nach New York, in die Riesenmetropole. Schon auf den ersten Seiten gewinne ich den Eindruck, dass die Autorin eine starke Frau ist und eine mutige dazu. In New York arbeitet sie als Pastorin einer deutschen Ev.-Lutherischen Kirche (St. Pauls). Da ihr Bonus-Vater Amerikaner war, ist das Ganze vielleicht auch eine Reise zu ihren Wurzeln. Oder so ähnlich.

Vor allem aber ist es das, was so viele Frauen alltäglich haben: Die Verbindung von Arbeit und Familienleben. In diesem Fall schlägt das Pendel vermutlich etwas mehr in Richtung Arbeit aus, weil der Familienvater dem Visum zuliebe nicht arbeiten darf. Der Leser erfährt viel vom Alltag von Pfarrern – nichts mit nur sonntags arbeiten, sonst frei haben. Denn deren Arbeit „findet fast rund um die Uhr statt und besonders dann, wenn andere freihaben.“ (Seite 131)

Die Verbindung von alltäglichen Beobachtungen mit Bibelstellen, die der Autorin dazu einfallen, gefällt mir sehr. Beispiel: Abraham und seine Familie „nahmen alles mit, was ihnen gehörte.“ Die Tochter stolpert darüber, weil sie selbst so viel aussortieren und zurücklassen müssen, bevor es in die neue Heimat auf Zeit geht. (Seite 8)

Der jährliche Tauftag wird in der Familie so gefeiert: Die Taufkerze wird zum Frühstück angezündet und ein kleines Geschenk zum Teller der Person gelegt. (S. 50) Das klingt für mich nach einer sehr schönen Tradition, die ich für mein Kind auch gern anfangen möchte.

„Bücher und so manches geschriebene Wort haben schon einiges Feuer gelegt oder tiefe Wunden geschlagen.“ (Seite 95)

Natürlich gibt es auch Einblicke in das Leben in New York. Diese Stadt, die für so viele Menschen Sehnsuchtsort und Traumstadt zugleich ist. Pulsierendes Leben in der Stadt, die niemals schläft. Dass dieser Großstadtdschungel oft von Menschen sehr viel fordert, vergessen wir oft. Dass es Rückzugsorte braucht, die keine hohe Hemmschwelle haben und in denen die zuweilen vom Leben geplagten Menschen Kraft tanken können für das, was als nächstes bei ihnen ansteht, ist ein Gedankengang, den die Autorin ihren Lesern sehr gut verständlich macht (vgl. S. 139). Und dass es dafür vor allem Menschen braucht, die nicht immer nur konsumieren, sondern auch für andere da sind. Leben gegen den Zeitgeist.

Auch wenn das sicher vor allem für so eine riesige Stadt wie New York gilt, denke ich, dass uns solche Menschen im Leben an jedem Ort der Welt gut tun.

Eine sehr starke, zauberhafte Wortwahl, die das zeitlich befristete Lebensgefühl einer ganzen Generation beschreibt, finde ich diese:

„Sommerferien sind eine verzauberte Zeit, in der jeder von der Schule geplagte Schüler endlich wie in einer surrealen Seifenblase in eine andere Realität tritt: Zeit zum Ausschlafen, wenig bis gar keine schulischen Verpflichtungen, lesen, spielen… – oft gleitet unbemerkt ein Tag in den anderen über.“ (S. 97)

Miriam Gross erzählt von einem amerikanischen Trend, für den ich beim Lesen so gar kein Verständnis entwickeln konnte: „Commemorative Tattooing“. (S. 195) Hierbei wird die Tinte mit der Asche eines Verstorbenen Menschen gemischt; Ausdruck von Trauer und lebenslanges Andenken an den geliebten Menschen zugleich. Klingt natürlich irgendwie romantisch, aber gesundheitliche Risiken gibt es da natürlich mehr als beim normalen Tätowieren. Da viele Trends noch immer über den großen Teich zu uns nach Europa herüberschwappen, gibt mir das natürlich zu denken. Hoffentlich bleibt uns das erspart!

Insgesamt war mein Eindruck, dass hier tatsächlich fast eine Art Tagebuch vor mir liegt. Die tiefen Einblicke in Alltag, Großstadt, Beruf, Familienleben, Gesellschaft und Gedankenwelt nahmen mich mit auf eine interessante Reise, die ich von Herzen gern weiterempfehlen kann.

Über die Jahre auf der schottischen Insel würde ich gern mehr erfahren (S. 186). Dass die aber nicht Bestandteil der New Yorker Tagebücher sein können, ist verständlich. Vielleicht besteht die Möglichkeit, in einem weiteren Band da etwas mehr zu erfahren?

Vielen Dank an den Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

Zum Blick ins Buch bitte hier entlang.

Was sich sonst noch online finden lässt:

Vor der Ausreise, nach dem Umzug ein Bericht bei der Süddeutschen Zeitung und eine weitere Buchvorstellung im Blog Citykinder. Viel Spaß Euch beim Stöbern!

Miriam Gross: „Hallo, Mrs. Father! – Mein turbulenter Alltag als Pfarrerin in New York“, Claudius Verlag 2016. 205 Seiten für 12,90 Euro. ISBN 978-3-532-62485-2

2 Gedanken zu „Hello, Mrs. Father! – Miriam Gross schreibt aus NYC

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