Ein Gedicht, ein Gedicht!

gedicht_matthias_royerEin nicht unbedingt fröhliches, zugegeben. Aber eins, das mich beim Lesen eben so sehr berührte, dass ich es mir zunächst handschriftlich in die Sammlung von Gedichten übertrug und nun auch hier mit Euch noch einmal teilen möchte.

Gelesen hab ich es im Buch „Nach dem Amen bete weiter“ von Hans Peter Royer. Er hat es aber nicht selbst geschrieben, sondern sein Großvater Matthias Royer, der während dem ersten Weltkrieg eingezogen wurde, obwohl seine Frau ein Jahr zuvor gestorben war und damit die drei kleinen Kinder komplett ohne Eltern zurückbleiben mussten. In seiner Kriegsgefangenschaft schrieb er also dieses Gedicht:

Ach, wie dunkel sind die Nächte,
kommt denn kein heller Tag herbei?
Müssen wir bleiben wohl ewig Knechte,
wann endet wohl die Sklaverei?

Wir warten ja sechs Jahre bald,
noch immer gibt’s kein Frieden.
Wann endet die Gefangenschaft,
wann seh ich meine Lieben?

In der Fremde sein ist bitter,
in öder, kalter Einsamkeit.
Klage laut und weine bitter,
ach Gott, wie schwer drückt mich Kreuz und Leid!

Auf der Welt bin ich verlassen,
bin lang getrennt von Weib und Kind.
Geschwister, Freund‘ musst ich verlassen,
kein Trost in meiner Not ich find.

Mein Vater ist gestorben lang,
die Mutter schläft auch in Frieden.
Ja, alle sind wohl glücklich dran,
die vor der Trübsalzeit entschieden.

Mein Weib hat die Welt verlassen,
schon in der Hälfte ihrer Jahr‘.
Ich muss wandern fremde Straßen,
wo mich umgibt so viel Gefahr.

Freunde sind von mir geschieden,
sind längst schon in der Ewigkeit.
Alle ruhen dort in Frieden,
nur ich bin noch im Kampf und Streit.

Meine Kinder in der Heimat,
die pressen mir wohl Tränen aus.
Mutterliebe sie vermissen,
des Vaters Wacht ist nicht zu Haus.

Doch brauch nicht zu verzagen,
ich hab ja einen Gott, der hilft,
jede Last hilft er mir tragen,
nur ER ist meiner Hoffnung Schild.

Seit den frühsten Kindheitstagen
war er mir stets treuer Hort.
In den schwersten Schicksalslagen
half er mir durch, an jedem Ort.

Wenn das dunkle Tal durchschritten,
an meines treuen Führers Hand,
oh, dann seh ich erst im Lichte
jenes schöne Heimatland.

Ich bin hier noch im fremden Land,
hab Sehnsucht nach dem Heimatland.
Steht auch die ganze Welt in Brand,
mein Leben ist in Gottes Hand.

Quelle: Hans Peter Royer, Nach dem Amen bete weiter. Hänssler, 2004 (4. Auflage 2005), Seiten 132 – 134)

Uff. Harter Tobak. Allein die Vorstellung, was dem Autor wohl durch den Kopf gegangen sein muss, wenn er an seine Kinder in der fernen Heimat dachte! Mutterseelenallein, ohne Vater… Ob sie überhaupt wussten, dass er noch am Leben war?

Beim Lesen werde ich erneut dankbar dafür, dass wir hier und heute im Frieden leben. Und bekomme einmal mehr Verständnis für Menschen, die fern ihrer Heimat sein müssen und einer absolut ungewissen Zukunft entgegenblicken – sicherlich nicht selten mit großer Sorge im Herzen um die Menschen, die sie in der Heimat zurück lassen mussten. Lasst uns nicht abstumpfen gegenüber dem Leid der Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Und schon gar nicht alle unter Generalverdacht stellen. Schwarze Schafe gibt es in jeder Gesellschaft, auch in unserer!

 

4 Gedanken zu „Ein Gedicht, ein Gedicht!

  1. Für mich ist es bewegend, von jemandem zu lesen, der mitten in diesem Leid drin steckt und versucht Worte dafür zu finden. Mein Wunsch ist, dass wir vor solchem und ähnlichem Leid bewahrt werden und dass der Herr den Frieden, der hier herrscht ausbreitet in die Kriegsgebiete. Möge der Friede sich ausbreiten und nicht der Krieg. Lasst uns dafür beten.

  2. Hallo liebe Frauke,
    solche Berichte, wie hier auch noch in Gedichtform, berühren mich auch immer tief und beschämen mich vor allem etwas. Da mein Jammern oft auf hohem Niveau ist.
    Der Schreiber geht wirklich durch Tiefen. Gut, dass er auch darüber schreibt-spricht.Über seine Not, Trauer, Verzweiflung und sich dennoch an Gott wendet und das Vertrauen nicht aufgibt. Er hat ein Fundament, welches ihm Halt gibt, gerade in diesen schwersten Zeiten.
    Es tut gut, solche Gedanken zu lesen und ändert den eigenen Blick!
    Mir fällt auch auf, dass Menschen, die wirklich schwer getroffen sind oft nicht jammern! Sondern ihre Last einfach sagen, herausschreien o.ä.- dem Vater! Dem himmlischen Vater! Und dort genau richtig sind- sie sind gehalten und getragen- trotz allem- auch wenn sie es nicht verstehen, warum es ihnen so geht.
    Wie Hiob
    Danke

    • Liebe Petra,
      ich finde es auch sehr bewundernswert, wenn Menschen in derartigen Leitsituationen es schaffen, nicht zu klagen. Im Buch hieß es, auf dem Weg mit Jesus gebe es zwei Reaktionen von uns Menschen auf Leid. Entweder wenden wir uns ab vom Glauben oder wir tun das Gegenteil und rennen hin zu Gott. Konnte ich sehr nachvollziehen. Beides.
      Stimmt, an Hiob erinnert das Ganze. 😉
      Liebe Grüße, Frauke

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