Träumen von Karl Ove Knausgard

traeumenManche Bücher möchte man am liebsten nie, nie wieder aus der Hand legen, wenn man einmal darin eingetaucht ist. So ein Buch ist „Träumen“ von Karl Ove Knausgard für mich geworden. Es landete auf meiner Lesewunschliste, nachdem ich in der TextArt 4/2015 die Buchvorstellung dazu gelesen hatte (Seite 7, falls jemand nachlesen möchte). Ein Besuch in der Buchhandlung meines Vertrauens kurz darauf überraschte mich dahingehend, dass sie das Buch nicht nur vorrätig hatten, sondern einen ganzen Stapel davon auf einem der Tische mitten im Raum präsentierten. Nach ein paar Monaten im Schrank packte ich diesen fünften Band von Knausgards auf sechs Bände angelegte Roman-Autobiografie aus und las ihn mit Begeisterung. Ich muss gestehen, die zuvor erschienenen Bände hatte ich allesamt noch nicht in der Hand. Vielleicht hole ich das noch nach, wer weiß. Die TextArt behielt recht:

„Seine Geschichte gibt auch einen Einblick in das Werden eines Schriftstellers.“

Genau das ist der Part, der mich am meisten fasziniert beim Lesen. Bevor Knausgard seinen ersten Roman veröffentlichte, hatte er immer wieder verschiedene Phasen, was sein Schreiben anging.

In Bergen ist Karl Ove anfangs immer im Fahrwasser des großen Bruders Yngve, unfähig, eigene Freundschaften aufzubauen. Sein erstes Jahr in Bergen verbringt er als Student an der Akademie für Schreibkunst, wo er viel Kritik einstecken muss. Immer wieder will er schreiben, beginnt, überarbeitet, verwirft. Anfangs werden Manuskripte verbrannt, später einfach die Dateien auf seinem ersten Computer gelöscht. Freunde, die ebenfalls schreiben und größtenteils jünger sind als er, überholen ihn und haben erste Veröffentlichungen. Immer wieder fühlt sich Knausgard als Versager, findet seine Texte schlecht und gibt dennoch nicht auf.

Verlieben und entlieben, gewinnen und verlieren. Schreiben wollen, es immer wieder versuchen, das Geschriebene verbrennen oder löschen, weil man es für schlecht hält. Kritiken, Rezensionen, Buchvorstellungen – darum wird er gebeten, doch es reicht ihm nicht. Das Leben plätschert zwischen Jobs, Besäufnissen und Abstürzen vor sich hin, die Großeltern sterben. Viel passiert nicht. Ist das jetzt dieses Erwachsensein?

Das Studentenleben bringt viel Ausgehen, viel Alkohol und so manche Eskapaden mit sich. Auch mit den Frauen ist es nicht unkompliziert. Karl Ove verliebt sich in Ingvild, die ihm aber seinen älteren Bruder Yngve vorzieht. Später hat er eine Beziehung mit Gunvor, die auch wieder auseinandergeht, bevor er sich Hals über Kopf in Tonje verliebt. Die beiden heiraten und leben eine Zeit lang zufrieden miteinander. Als es mit dem Schreiben für Karl Ove aufwärts geht, ist dies aber eine extreme Belastungsprobe für die Beziehung. Sein erster Verlagsvertrag mit Abgabefristen bringt eine Zeit mit sich, in der Tonje immer wieder allein ausgehen muss, weil Karl Ove sich um den Roman kümmert. Er schreibt oft nachts und die unterschiedlichen Tagesrhythmen der beiden sind nicht wirklich förderlich für ihre Ehe. Dennoch bleiben sie auch danach noch ein paar Jahre zusammen.

Das Rauchen – egal wo – irritiert mich beim Lesen immer wieder. Nur draußen rauchen – wie es heute fast überall gang und gäbe ist, finde ich dann doch besser für alle.

Beim Lesen stoße ich immer wieder auf Sätze, die mir nachgehen, derentwegen ich nochmal zurückblättere, suche, finde und markiere. Für die letzten 200 Seiten lasse ich mir extrem viel Zeit, weil ich den Moment fürchte, an dem das Buch ausgelesen ist. Nun ist es leider so weit. Sehr schade.

Karl Ove Knausgard: „Träumen“, Luchterhand Verlag, 2015. Übersetzung aus dem Norwegischen von Paul Berf. 794 Seiten für 24,99 Euro. ISBN 978-3-630-87414-2

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