[Rezension] Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

„Es wird Zeit, alles zu überdenken. Alles.“ (Seite 7) Das sind die ersten Worte in der Einführung von Tim Parks und an diese hält er sich in der vorliegenden Sammlung von Essays. Er unterteilt das Buch in vier Teile mit jeweils sieben bis zehn einzelnen Texten:

  • Die Welt des Buches
  • Das Buch in der Welt
  • Die Welt des Schriftstellers
  • Schreiben rund um die Welt

timparksEr wirft Fragen auf…

…wie die, ob man (gute) Bücher zu Ende lesen muss. Ob man liest, um sein Weltbild zu bestätigen oder zu hinterfragen. Ob alle Leser auf Grund der Globalisierung irgendwann nur noch zu den gleichen Büchern greifen – und wie viele Schriftsteller es dann überhaupt noch geben werde. Ob ein Schriftsteller tatsächlich in einsamer Abgeschiedenheit arbeiten muss oder sich vielleicht nicht doch dem „ohrenbetäubenden Geschnatter von Twitter“ (Seite 15) aussetzen könne – was Jonathan Franzen an anderer Stelle ausschloss. Er fragt, warum manche Leser ein Buch begeistert aufnehmen, was andere total abstoßend finden und bringt einen, wie ich finde, sehr überzeugenden Erklärungsversuch dazu ins Spiel.

Auch an kritischen Gedanken mangelt es nicht.

In vielen „liturgischen“ Äußerungen von Kritikern sieht er eine gewisse Nostalgie. Die Sehnsucht nach den grandiosen Werken der großen Meister der Vergangenheit (wie Joyce, Dickens oder Hemingway). Er nennt gern genutzte „Allgemeinplätze der Literaturkritik“ beim Namen, wie zum Beispiel die „schwer zu fassende Vieldeutigkeit“ eines Autors (Seite 17) und bricht die kursierenden Rezensionen oder Meinungen zu Büchern auf ein paar wenige inhaltliche Punkte herunter, die seit Jahrzehnten die gleichen seien. (Nachzulesen auf Seite 8.)

Die Vorstellung, das Einkommen von Künstlern habe etwas mit Gerechtigkeit zu tun, ist naiv“ (Seite 33), sagt er. Aber sollten wir deshalb das Copyright abschaffen und das Urheberrecht????

Das Schreiben verändert sich durch die Globalisierung, sagt Parks. Es komme weniger auf eine linguistische Virtuosität an, sondern eher darauf, so zu schreiben, dass die Texte leicht übersetzt werden können (etwa Seite 42). Daraus folge eine Vereinfachung und Angleichung der Sprachen (Seite 206).
Er stellt das Prozedere zur Nobelpreisvergabe in Frage und wundert sich, dass die gesamte literarische Welt jedes Jahr aufs Neue so sehr auf das Ergebnis schielt.
Dass das Bild vom rebellischen, unabhängigen Schriftsteller so beliebt sei, der sich aber den Mechanismen von Markt und Marketing unterwerfen muss, wenn er erfolgreich sein will, ist laut Parks eine „Aufforderung zur Heuchelei“ (Seite 125).
Selbstachtung und eine eigene Identität auch unabhängig vom Schreiben seien für einen Schriftsteller wichtig (Seite 136), dazu am Besten eine Bezugsgemeinschaft, wie Parks sie auf Seite 138 beschreibt.

Was mich fasziniert an diesem Buch:

Allein schon in der Einführung hätte ich nach fast jedem Satz in euphorischen Applaus ausbrechen können. Interessant finde ich – unter vielen, vielen anderen Themen und Gedanken -, dass Parks große Stücke auf Peter Stamm und seine Romane hält, der es mit „Weit über das Land“ aktuell auch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte.

Ich ließ mir Zeit für die Lektüre. Vielleicht ahnte ich von Anfang an, dass mich dieses Buch sehr bewegen würde? Ich weiß es nicht. Aber das tat es. Viele Gedanken berühren mich zutiefst. In meinem Kern. Ich hinterfrage Wünsche und Ziele, setze mich auseinander mit dem, was mich antreibt. Von der ersten bis zur letzten Seite nahm mich Parks mit hinein in seine Weise zu denken, zu hinterfragen. Und auf der Suche nach schönen Sätzen wurde ich selbst in der Danksagung noch fündig:

„Bücher sind eine gemeinschaftliche Leistung.“ (Seite 237)

Fragen, denen ich weiter nachgehen will:

  • Warum lese ich Bücher bisher meist zu Ende, selbst wenn sie mich nicht ansprechen?
  • Was macht den Reiz von Veröffentlichungsdaten aus, wenn es nicht gerade um die Lieblingsautoren geht?
  • Sollte ich methodischer vorgehen bei der Auswahl meiner Lektüren?
  • Erwartet tatsächlich niemand etwas völlig Neues (Seite 124)?

Bücher und Autoren, die nach dieser Lektüre neu auf meiner Wunschliste landeten:

  • „Harun und das Meer der Geschichten“, Salman Rushdie
  • „Joseph Anton – Die Autobiografie“, Salman Rushdie
  • „Die jungen Jahre“, J. M. Coetzee
  • Alice Munro („mit ihren unzählingen stillen, traurigen Erzählungen über Leute, die ihre Ziele nicht erreichen“, Seite 133)
  • „Ist schon in Ordnung“, Per Petterson
  • „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, James Joyce

Jedem, der sich mit der aktuellen Lage des Buchmarktes beschäftigen möchte, kann ich dieses Werk von ganzem Herzen empfehlen!

Eine Leseprobe gibt es übrigens online auch.

Und weitere Meinungen im Netz gibt es natürlich auch zu diesem Buch. Zum Beispiel hier:

Tim Parks: „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“, Verlag Antje Kunstmann GmbH, 2016. Übersetzung von Ruth Keen und Ulrike Becker. 240 Seiten für 20,00 Euro. ISBN 978-3-95614-130-0

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