[Rezension] Der Kuss des Feindes

Der_Kuss_des_FeindesDies ist der erste historische Jugendroman, den ich las. Titus Müller ist bei historischen Romanen sowieso schon lange einer meiner Lieblingsautoren, 2012 legte er seinen ersten für Jugendliche vor.

Der Roman spielt etwa 800 n.C. in Kappadokien, einer Landschaft in der heutigen Türkei.
Arif ist 15 und damit erwachsen. Sein Vater Haroun ist der Führer des arabischen Stammes, in dem sie leben und Arif steht immer im Schatten seines älteren Bruders Utman, der vor einem Jahr als Held starb. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder, der von allen nur „al-Qabih“ („der Hässliche“) genannt wird, ist behindert und wird vom Stamm immer wieder gehänselt und zum Außenseiter gemacht. Der herzensgute Arif aber beschützt ihn, wo es nur geht. Er sehnt sich sehr danach, von seinem Vater anerkannt oder wenigstens wahrgenommen zu werden und steht permanent unter dem Druck, sich beweisen zu müssen. Die Brüder der Familie Zakariyya beanspruchen die Führerung des Stammes für ihre Familie, weil ihre und die Familie Asad seit langer Zeit miteinander verstritten sind. Seit dem Tode Utmans sehen sie gute Chancen dafür und provozieren Arif, wo sie nur können.

Doch die Streitigkeiten innerhalb des Stammes sind nur eine Front. Eine weitere ist die Feindschaft der Araber mit den Christen. Über 10.000 von ihnen haben sich in die unterirdische geheime Stadt Korama zurückgezogen und leben fernab von Sonne, Mond und Wind. Fern von jeder Freiheit. Doch Überleben ist wichtiger als freies Leben. Savina, ein Mädchen aus Korama, hält die Gefangenschaft nicht aus und schleicht sich nachts immer wieder heimlich ins Freie. An den Wänden von Korama malt sie Bilder von dem, was sie auf ihren Streifzügen gesehen hat. Jonathan, der ihr bester Freund ist und heimlich in sie verliebt, bereitet Savina Kopfzerbrechen. Soll sie ihn ermutigen oder schroff abweisen? Warum schlägt ihr Herz hin und wieder so schnell, wenn er sie ansieht?

Es kommt, wie es kommen muss. Eines Nachts, als Arif ganz allein auf der Suche nach dem Versteck der Christen ist, um endlich die gewünschte Anerkennung in seinem Stamm zu bekommen, sieht er Savina im Mondlicht. Sie hat sich seiner Stute nähern können, ohne dass diese auch nur einmal gescheut hätte. Und obwohl sie keinerlei Schmuck trägt, erscheint sie Arif so schön wie der Mond selbst. In brenzligen Situation retten sie sich in kurzem Abstand gegenseitig das Leben, wohlwissend, dass sie sich damit selbst in Gefahr bringen.
Haben die beiden eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft? Oder sind die Fehden zwischen den verschiedenen Menschengruppen zu stark? Als Leser können wir Arif und Savina auf ihrem abenteuerlichen Weg begleiten.

Titus Müller greift Vorbehalte auf beiden Seiten auf und widerlegt sie in der Handlung beziehungsweise lässt die Figuren erkennen, dass die Legenden oder Geschichten tatsächlich nur Vorurteile sind. Damit macht dieser Jugendroman Mut, sich von Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen oder Religionen nicht blenden zu lassen, sondern den Menschen selbst in den Mittelpunkt zu stellen, dem man womöglich im Alltag begegnet. Menschlichkeit und Toleranz schreibt Titus Müller in diesem Roman riesengroß. Meiner Meinung nach ein sehr gutes Buch für jeden jungen Menschen (ab etwa zwölf Jahren) in unserem Land und unserer Zeit, wer sich gern zum eigenen Denken anregen lässt.
Titus Müller: „Der Kuss des Feindes“, Fischer Schatzinsel, 2012. 284 Seiten für 14,99 Euro. ISBN 978-3-596-85445-5

Auch andere Blogger schrieben zu diesem Roman. Das ist zwar schon länger her, aber lest doch mal rein:

Ankas Geblubber

Buchzeiten

Claudias Bücherregal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.