LitCamp (4): #einLichtfuerLinsensicht

Session_Julia Von einer emotional anstrengenden Woche erzählte uns Julia in ihrer Session. Aber erst gab es ein wenig Information zur Vorgeschichte. Seit zwei Jahren litt Chris an Darmkrebs. Nachdem er damit an die Öffentlichkeit gegangen war, wurde der Hashtag #LichtfuerLinsensicht ins (Twitter-) Leben gerufen, unter dem ihm immer wieder Lichtbilder geschickt wurden. Die Botschaft: „Wir sind bei dir. Du schaffst das!“

Nun musste er am Sonntag vor dem LitCamp erneut ins Krankenhaus. Und es hieß, dass er den Kampf gegen den Krebs anscheinend doch verloren habe. Plötzlich kamen wieder neue Lichtbilder dazu. Und auf einmal schlich sich das „ein“ in den Hashtag. Der nun neue Hashtag #einLichtfuerLinsensicht hatte etwas von Sterbebegleitung. Am Dienstagabend kam spät dann die Nachricht, dass Linsensicht gestorben sei.

Wie kann man trauern um einen Menschen, den man nie real in die Arme schloss? Den man „nur“ online kennt, den man aber auch auf diesem Weg fest ins Herz geschlossen hat?

Julia schrieb selbst diesen wunderbaren Artikel dazu.

Plötzlich sind da all diese Fragen. Wie kann das gehen mit einer Online-Trauer?Julia erzählte, dass sie Grabsteinen früher nichts abgewinnen konnte. Und nun war da dieser Gedanke, dass so ein Grabstein immerhin einen realen Ort zum Erinnern kreiert. Wir, die wir hier geblieben sind, die einen Menschen verloren haben und nun im Leben vermissen, können hingehen. Haben einen festen Ort zum Trauern. Einen Halt vielleicht.

Wie können wir also virtuell trauern? „Netztrauer“ ist ein neues Phänomen. Sascha Lobo hat es mal als „kollektive Suchbewegung“ beschrieben.

Die Besonderheit an dieser Art zu trauern: Das Ganze findet größtenteils verschriftlicht statt. Es entsteht eine literarisierte Online-Trauer, aus der wiederum neue Dinge entstehen können. Wie zum Beispiel das Projekt „1000 Tode schreiben“ im Frohmann-Verlag.

Auch sehr interessant sind die Gedanken von Patricia zu einer möglichen „digitalen Bestattung“.

Bei Chris ist es aktuell so, dass sein Blog noch online ist und auch sein Twitter-Account. Aber irgendwann werden diese Adressen im Netz vielleicht nicht mehr aufrufbar sein. Wohin gehen die Trauernden dann? Und was wird aus seinem „digitalen Erbe“?

Als Chris starb, merkte man, wie umfassend diese Trauer ist. Es ging so vielen so.

Johannes Korten hat gemeinsam mit anderen eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Hierfür wurde ein Konto reaktiviert, das für die Aktion #einbuchfuerkai eingerichtet worden war.

Denn Chris hinterlässt im „real life“ eine Familie. In dieser schweren Zeit können wir der Familie ein wenig unter die Arme greifen. Natürlich lindert das nicht den Schmerz über den Verlust, aber vielleicht hilft es in dieser akuten Phase zumindest ein wenig, was die Finanzen angeht.

„Die Kraft, die sich da Bahn bricht, ist etwas unglaublich Positives, auch wenn der Anlass fürchterlich ist.“

In der Session folgte noch ein recht persönlicher Austausch zum Thema Trauer und dem Umgang damit. Natürlich will ich das hier nicht alles wiedergeben, aber zumindest einen Part, der mich als Mutter sehr bewegt hat:

Es wurde erzählt von einer Oma, die gestorben war. Es gab keinen Grabstein, weil sie „auf der Wiese“ beerdigt werden wollte. Wie sollte man jetzt also den Kindern (beziehungsweise ihren Enkeln) eine Möglichkeit zum Trauern geben? Die Lösung fand sich auf zwei Wegen. Zum einen bemalten die Kinder Steine bunt, die im Garten ihren Platz fanden. Und zum anderen wurden Briefe an die Oma geschrieben und an den nahen Fluss übergeben.

Alles in allem war es für mich – wen wundert’s? – die emotionalste Session. Auch wenn ich @linsensicht weder persönlich noch online kannte, war ich tief bewegt von dem Gehörten und wünsche der Familie ganz viel Kraft.

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