[Rezension] Herr Sturm und die Farbe des Windes

HerrSturmUndDieFarbeDesWindes_03Mit einem fulminanten Sprung direkt hinein in diesen Roman beweist Jens Böttcher einmal mehr, dass er ein Wortakrobat vom Feinsten ist. (Wagt auf jeden Fall mal einen Blick auf seine Homepage! Er schreibt wunderbare Texte und Musik!)

Richard Sturm, der den Regen als oft tröstlichen Begleiter in seinem seit drei Jahren recht trostlosen Leben sieht, ist auf dem Weg zu einer Adresse in Hamburg, die er per Brief erhalten hat. Dem voraus ging, dass er auf eine Annonce in der Zeitung geantwortet hatte, in der ein Schriftsteller für einen mysteriösen Auftrag gesucht wurde.

Besonderer Auftrag für interessierten Schriftsteller, der mit der Löschtaste umgehen kann. Exquisites Honorar. (S. 15)

Sturm lernt Herrn Bischoff kennen, der ihm beim ersten Treffen den Auftrag etwas näher bringt. Er solle zwölf Gespräche mit verschiedensten Menschen führen, solle herausfinden, was oder woran sie glauben und das Ganze zu einem Buch zusammenfügen. Was sind ihre Ansichten? Wonach sehnen sie sich? Richard bekommt eine kurze Bedenkzeit und entscheidet sich dafür, den Auftrag anzunehmen. Schließlich lebt er seit Jahren davon, für eine Fernsehserie zu schreiben, da sich seine bisher veröffentlichten Bücher nie wirklich gut verkauften. Zu verlieren hat er nicht viel. Er bekommt eine Liste mit Namen, Orten und Terminangaben der Menschen, die er in der nächsten Zeit treffen soll und macht sich auf die Reise.HerrSturmUndDieFarbeDesWindes_04

„Weißt du, ich glaube mittlerweile ganz fest, dass diese ganzen Irrwege einfach dazugehören. Um zur Quelle des Seins vorzustoßen, muss man wohl wirklich auf all diesen Schlammpfaden herumwandern wie ein orientierungsloser Vollhonk. Es braucht den Krieg, bevor man Frieden machen kann.“ (Seite 146)

Das zum Beispiel ist die Meinung eines von Richards Gesprächspartnern. Mit jedem Gespräch merkt er, wie sich etwas in ihm bewegt, sich Luft machen will. Nach und nach erfährt der Leser, was mit Richard geschehen ist. Warum er scheinbar ständig von einer tiefgründigen Trauer begleitet wird.

Die unterschiedlichen Figuren, die Jens Böttcher kreiert hat, sind allesamt auf ihre jeweilige Art sehr interessant. Vor allem beim Gespräch mit den Bergers, bei dem unerwartet ein Störenfried auftaucht, prallen absolut ungleiche Charaktere aufeinander, was der Situation nicht nur Brisanz, sondern auch enormen Witz verpasst. So manchen tut man spontan als Spinner ab, kann aber im Nachhinein durchaus nachvollziehen, warum er oder sie sich zu diesem Menschen entwickelt haben muss.

Persönlich ging es mir mit dem Lesen so, dass ich am Anfang total gepackt war. Zwischendrin – vor allem bei den ersten Gesprächen, die teilweise sehr mit Theorie vollgepackt sind – biss ich mich ein wenig durch, aber schließlich hat mich der Roman wieder völlig in seinen Bann gezogen und ich wollte ihn gar nicht mehr aus der Hand legen.

Immer wieder fanden sich meiner Meinung nach wundervolle Gedanken und Sätze, die ich mir anstrich, wie zum Beispiel dieser hier:

Ich liebe dich? Wie oft wurde das gesagt und etwas ganz und gar anderes gemeint? Nämlich: Ich suche in dir, was ich in mir selbst nicht finde. (S. 178)

Diesen Roman habe ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen und kann ihn allen Suchenden und auch Gefundenen, Nachdenkenden wärmstens empfehlen.

Jens Böttcher: „Herr Sturm und die Farbe des Windes“, SCM-Verlag 2016. 398 Seiten. ISBN 978-3-7751-5718-6. 17,95€

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