[Kurzgeschichte] Auf zum ersten Date!

RoteSchuhe„Ein Hut, ein Stock, ein alter Mann, vor, zurück, zur Seite ran. Und eins… und zwei… und drei… und… Iiiiiihh!“
Es erklang ein viel zu lautes, schmatzendes Geräusch.
Simone hatte nicht auf den Weg geachtet, war zu bemüht gewesen, ihren Sohn vom Jammern über das lange Laufen abzulenken.
„Nicht heute“ seufzte sie genervt und besah sich ihre Schuhsohle. Sie hatte einen wohlgeformten Abdruck im frischen Hundehaufen hinterlassen. Das Weiß der Sohle war nur noch an hinterster Ferse und vorderster Spitze zu sehen.
Selbst an der Oberfläche – weinrotes Velours, für den heutigen Anlass ausnahmsweise geputzt, passend zu Handschuhen, Mütze und Lippenstift – quoll die stinkende Masse hoch.
Mit einem „Warte mal kurz, Schatz“ brachte sie Max zum Stehen in der Hoffnung, dass die neue Motivation zum Weitergehen nicht genauso aufreibend wäre wie die der letzten 20 Minuten.
Sie suchte und fand ein Stückchen Gras am Straßenrand und begann, den Dreck unter der Sohle daran abzustreifen. Das Gröbste wurde sie los, Vieles hielt sich hartnäckig. Das musste erst mal reichen, um den Rest würde sie sich später kümmern.
Simone liebte diese Schuhe! Laut ihrem Sohn waren die weinroten Schuhe „Mamas Lieblingsschuhe“. Und nun das!
„Komm Max, wir gehen weiter!“
„Aber ich kann nicht mehr! Meine Füße tun schon ganz doll weh. Trag mich!“, forderte das Kind wie befürchtet.
Das Gute wäre: Sie wären definitiv schneller bei Max‘ Papa, also hätte Simone eher Mama-frei und könnte es noch pünktlich zu ihrem Date schaffen, der ersten richtigen Verabredung überhaupt seit der Trennung vor zwei Jahren.
Das Schlechte: Die Schuhe von Max hinterließen garantiert Spuren an Simones Kleidung, die Rotznase sehr wahrscheinlich ebenfalls. Und erst die vorprogrammierten Rückenschmerzen!
Drei zu zwei für die negativen Folgen, also:
„Nein. Aber wir können einen Wettlauf machen: Wer zuerst an der Laterne da vorne ist!“
Schon machte sich Max mit seinen kurzen Beinen auf den Weg und Simone beeilte sich, dem Sohnemann hinterherzulaufen.
Das Laufen ging gerade mal zwei Minuten gut, bis Max plötzlich stolperte und fiel. Nach der Schrecksekunde ging die Sirene los. Unter lautem Geheule und mit kullernden Tränen forderte Max: „Mama! Du musst pusten!“
Simone erreichte ihn, kniete sich neben ihn – wobei ihr der ekelhafte Geruch aus Richtung Schuh schon wieder in die Nase stieg – und tröstete ihren Sohn.
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr dachte sie: ‚Okay, zehn Minuten zu spät. Aber welche Frau ist schon pünktlich? Ein bisschen kann Thomas ruhig warten.‘
Das Zauberpusten half, das gute Zureden auch und so waren beide kurz darauf wieder unterwegs. Nun deutlich langsamer, weil vorsichtiger.
Während Max dank der reduzierten Geschwindigkeit viele spannende Dinge entdeckte („Mama, da ist ein Weihnachtsmann! Und ein gelber Punkt! Siehst Du das Auto mit dem Blaulicht da vorne? Das sieht schön aus, stimmt’s?“), dachte Sabine an ihr Date. ‚Ob Thomas wohl sauer wird? Ich meine, nett ist das ja nicht gerade, beim ersten Kennenlernen direkt zu spät zu kommen. Was er wohl von mir halten wird? Ich würde auch nicht gern warten… Immerhin weiß er schon, dass ich ein Kind habe. Und dass da nicht immer alles glatt läuft, kann sich doch wohl jeder denken.‘
Als hätte Max sich in Mamas Gedanken erkannt, unterbricht er sie: „Mama, du musst meine Nase putzen!“
„Wie heißt das Zauberwort?“
„Kannst du bitte meine Nase putzen?“
„Na, das klingt doch schon viel besser. Gerne doch!“
Simone kramt ein Taschentuch hervor, hockt sich erneut neben ihren Vierjährigen und putzt ihm die Nase. Jetzt fällt Max auf, dass er Durst hat und auf der Stelle was zu Trinken braucht. Simone steht wieder auf, kramt in ihrer weinroten Handtasche eine Halbliterflasche Apfelschorle hervor, öffnet sie und gibt sie Max. Alleine trinken kann er gut, er ist ja schon groß!
So groß in diesem Moment leider doch nicht, denn er kippt sich als Erstes einen Teil der Schorle über die Kleidung. Simone fühlt eine unangenehm kalte Nässe an ihrem linken Fuß. „Max, pass doch auf! Meine schönen Schuhe!“ Beide haben etwas abbekommen. Auf dem Veloursleder fallen die Spuren des Getränks sofort ins Auge. Einige noch dunklere Spuren – ähnlich verlaufenden Tränen auf einem Pullover – zieren die vorhin noch guten Stücke. Schöner werden sie dadurch auch nicht.
Max‘ Pullover aber hat am meisten abbekommen. ‚Selbst schuld!‘, denkt Simone. Aber wegen der herrschenden Kälte kramt sie erneut in ihrer Tasche. Dieses Mal kommt eine Packung Taschentücher zum Vorschein, mit denen sie den Pullover ihres Sohnes so gut wie möglich zu trocknen versucht. Er soll sich ja nichts einfangen, nur damit sie Thomas kennenlernen kann!
Den Rest schaffen sie ohne weitere Schwierigkeiten. Die Übergabe bei Max‘ Vater geht ohne Zwischenfälle über die Bühne.
Eine Umarmung, ein Kuss und Simone ist unterwegs.
Frei.
Sie gönnt sich eine Verschnaufpause, blickt kurz in den Spiegel und zieht den weinroten Lippenstift nach. Der darauf folgende prüfende Blick auf die Uhr fördert eine aktuelle Verspätung von 30 Minuten zutage.
„Lohnt es sich überhaupt noch, ins Theater zu gehen, wenn man die erste halbe Stunde verpasst? Und kann ich in diesem Aufzug überhaupt dort auftauchen? Das Missgeschick bleibt doch keiner Nase im Umkreis von 5 Metern verborgen! Eigentlich sollte ich noch mal heimgehen und mich umziehen. Aber… Ach, das bringt doch alles nichts.“
Simone hält an, schaut traurig auf ihre geliebten Schuhe herab, seufzt leise und zieht sie aus. Natürlich ist es kalt an den Füßen. Wer geht schon barfuß im Dezember? Aber sie kann sich ja zuhause eine heiße Badewanne einlassen und die Füße wieder aufwärmen.
Und Thomas? Der wird ihr verzeihen. Und wenn nicht, dann ist er wohl kaum der Richtige.

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