[Rezension] Das verborgene Wort

Ulla Hahn, 1946 im Sauerland geboren, wuchs im Rheinland auf. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und promovierte in Germanistik. Nach Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten arbeitete sie als Redakteurin für Literatur beim Rundfunk in Bremen. Sie wurde mit zahlreichen Preisen für ihr Werk (vor allem Lyrik) ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis 1981. „Das verborgene Wort“ war nach „Ein Mann im Haus“ (1991) ihr zweiter veröffentlichter Roman. Sie lebt mit ihrem Mann in Hamburg.
Das_verborgene_WortDie Hauptfigur in „Das verborgene Wort“ lernen wir auf den etwas über 600 Seiten des Romans sehr gut kennen. 1945 in Dondorf bei Köln geboren, wächst Hildegard Palm in diesem Dorf auf. Der Vater ist ein ungelernter Arbeiter und schuftet hart, um die Familie zu ernähren. Seinen Frust ertränkt er im Alkohol. Die Mutter, die mit den Kindern daheim ist und mit Putz- und Gelegenheitsjobs zur Familienkasse beiträgt, verweist immer auf den Vater, wenn es um erzieherische Maßnahmen geht. Diese fallen oft sehr hart aus, nicht selten gibt es Prügel. Mit im Häuschen wohnen die Großeltern. Die gesamte Familie, genaugenommen das ganze Dorf, legt großen Wert auf den katholischen Glauben. Alles Unbekannte wird gemieden und macht den Dorfbewohnern Angst. Vor allem der Großvater ist Hildegards Zuflucht, der mit ihr und ihrem Bruder Bertram ausgedehnte Spaziergänge an den Rhein unternimmt, ihnen aus „Buchsteinen“ vorliest und ihnen beibringt, „Wutsteine“ im Wasser zu versenken.

Als Hildegard in die Schule kommt, wo sie lesen und schreiben lernt, beginnt sie bald, schöne Worte und Sätze zu sammeln. Sie lernt Literatur als Heimat kennen. Als heimlichen Fluchtort, der sie aus der harten Realität mit dem brüllenden und schlagenden Vater entführen kann. Immer wieder begegnen ihr Menschen, die von ihrer Leselust beeindruckt sind und ihr Bücher empfehlen oder sogar schenken. Ihre erste große Liebe wird Friedrich Schiller, dem sie in ihrem Zimmerchen einen Altar errichtet und viele, viele Briefe schreibt, bis sie droht, verrückt zu werden. Doch auch vor Hildegard macht die Pubertät nicht halt und so verliebt sie sich eines Tages in Sigismund, den Sohn eines Chefingenieurs. Der scheint aber immer wieder abgeschreckt vom Wissen des Mädchens und die Eltern halten natürlich nichts von einer möglichen Beziehung der beiden. Peter, der Sohn von Gärtnern, scheint eher „standesgemäß“ und die beiden Mütter geben sich eine Zeit lang große Mühe, die beiden Jugendlichen miteinander zu verkuppeln. Dass Hildegard, die sich irgendwann „Hilla“ nennt, „op de Meddelscholl“ gehen darf, kommt einem Wunder gleich. Die Kosten werden von der Stadt getragen. Hier eignet sie sich mühsam an, hochdeutsch zu sprechen, was in ihrer Familie das Misstrauen ihr gegenüber verstärkt. Doch wie soll es nach dem Schulabschluss weitergehen? Darf Hilla ihrem ungemeinen Wissenshunger weiter nachgehen oder muss sie Geld verdienen in einer der Fabriken? Zumindest darf sie als Beste ihres Jahrgangs erst einmal die Abschlussrede halten – und stößt damit einmal mehr etliche Leute vor den Kopf.

Der Roman erzählt aus der Ich-Perspektive von Hildegard, zumeist chronologisch. Immer wieder mit Einschüben, aber insgesamt chronologisch. Das in der Region gesprochene Platt wird im Roman immer wieder verwendet – für den damit nicht vertrauten Leser glücklicherweise mit einigen Übersetzungshilfen. Sehr genial ist die Passage, in der Hildegard von ihrem Lesenlernen erzählt (etwa Seite 58 / 59), inklusive der Lautschrift. Hildegard ist begeistert davon, wie sie „diese unscheinbaren schwarzen Zeichen“ (Seite 58) in Laute übertragen kann, was ihr wegen des von klein auf gelernten Plattdeutschs große Mühe bereitet.

Dem Roman vorangestellt ist der Satz „Mit Schreiben und Lesen fängt eigentlich das Leben an.“, welcher auf einer Wachstafel (Mesopotamien, aus dem 4. bis 5. Jahrhundert n.C.) mit Schulübungen eingetragen ist. Mehr als passend!

Ulla Hahn: „Das verborgene Wort“, Deutscher Taschenbuch Verlag 2003. 620 Seiten. ISBN 3-423-13089-X (Das Original erschien bereits 2001.)

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