[Rezension] Briefe von Hans

Susanna Maibaum wurde 1972 geboren und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Marburg. Sie ist Erzieherin und arbeitet in einem evangelischen Familienzentrum. Außerdem ist sie als Lektorin tätig und schreibt Kinder- und Jugendbücher, mit denen sie auf unterhaltsame Weise Wissen vermitteln möchte. Weitere Bücher von ihr sind „Was passiert mit Hilde Mück?“ (2012) und „Davids Geschichte“ (2014).

Briefe_von_Hans_Cover„Briefe von Hans“ besteht hauptsächlich aus den Briefen der Brüder Hans und Friedrich Bärmann aneinander, die zwischen dem 3. August 1914 und dem 26. April 1917 geschrieben wurden. Hans ist als der Ältere von beiden im ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich, während Friedrich mit seinen 14 Jahren noch zur Schule geht. Friedrich ist darüber sehr unglücklich und will sich am liebsten so früh wie möglich freiwillig melden, um auch in den Krieg zu ziehen. Schließlich hat er das Gefühl, zuhause nichts zu einem möglichen Sieg beitragen zu können. Hans berichtet recht offen, was er im Kriegsalltag erlebt. Viele seiner Kameraden werden verrückt oder sterben. Immerwährender Lärm, Gestank und Ratten sind die Alltagsbegleiter geworden. Die Verzweiflung greift um sich, der Hunger wird groß und größer. Irgendwann werden sogar die Ratten gegrillt und gegessen, so schlimm ist es. Eine geniale Ausnahme ist der „Heimliche Frieden“ an Weihnachten 2014. Leider gibt es in den Jahren darauf keine Wiederholung dieses berührenden Erlebnisses und Hans muss immer wieder an den Franzosen Henri denken, den er dabei kennen lernte. Ob er noch lebt?

Auch bei Friedrich in der Heimat ist nichts mehr, wie es war. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln wird rationiert und immer schlechter. Die Familie Bärmann hat Glück, dass die Großeltern einen Bauernhof haben und sie mit den Ernteerträgen mit unterstützen können. Die Frauen müssen nun bei harter Arbeit mit anpacken, viele werden zu Witwen. Als der Knecht der Großeltern an einer Lungenentzündung stirbt, muss Friedrich die Schule abbrechen und für den Knecht auf dem Hof einspringen. Der Hunger wird immer größer, die ewigen Steckrüben hängen ihm zum Hals raus. Noch immer wünscht er, sich gemeinsam mit ehemaligen Klassenkameraden für den Krieg zu melden, wovon Hans, der immer häufiger von Todessehnsucht geplagt wird, ihm immer wieder nur abraten kann. Irgendwann kommen die kriegsversehrten Rückkehrer hinzu mit ihren entstellten Körpern. „Das Leben ist zu einem Albtraum geworden“ (S. 89), schreibt Friedrich an Hans.

Der ganze Briefwechsel ist eingebettet in eine Rahmenhandlung. Die fünfzehnjährigen Zwillinge Tom und Sophia sind mit ihren Eltern bei der Beerdigung von ihrem Uropa Heinrich. Am nächsten Tag beginnt die Familie, dessen letzte Habseligkeiten, die sie aus dem Seniorenheim geholt haben, durchzusehen und stoßen dabei auf jene Briefe. Briefschreiber Friedrich war der Vater von Heinrich. Die Mutter der Zwillinge kann Sütterlin lesen und liest der Familie sämtliche Briefe vor.

Mir persönlich nimmt die Rahmenhandlung etwas wenig Raum ein, es hätte ruhig zwischen den Briefen mehr davon eingeschoben werden können. Insgesamt fand ich das Buch sehr bedrückend, aber erhellend. All die Menschen und Medienmacher, die schnell mal „wir sind im Krieg“ rufen oder auf ähnliche Weise Ängste schüren (wollen), sollten sich vielleicht mal klar machen, was Krieg wirklich bedeuten kann. Dabei kann dieses Buch meiner Meinung nach eine gute Hilfe sein.

Der Verlag empfiehlt das Buch für junge Leser ab 11 Jahren. Ich würde es vielleicht ab 13 erst empfehlen, bin aber auch kein Pädagoge. Allerdings las ich als Jugendliche selbst meist Bücher, in denen die Hauptfiguren etwa zwei Jahre älter waren – und diese Empfehlungen meiner damaligen Lieblingsbibliothekarin waren für mich genau richtig.

Susanna Maibaum: „Briefe von Hans“, BVK Buchverlag Kempen GmbH 2015. 115 Seiten. ISBN 978-3-86740-622-2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.