[Rezension] Eine Weltgeschichte in 33 Romanen

Eine_WeltgeschichteDer Autor
Markus Gasser, 1967 in Bregenz geboren, studierte Anglistik / Amerikanistik und Germanistik in Innsbruck und promovierte 1996 zum Doktor der Philosophie. Später arbeitete er einige Jahre als Lehrer an einem Gymnasium bei Wien, bevor er sich 2007 habilitierte. In Innsbruck und Saarbrücken lehrt er heute auch über die Weltliteratur, lebt aber in Zürich und arbeitet weiterhin als Literaturkritiker und Essayist mit Beiträgen für die FAZ und die Weltwoche.

Das Buch
Das vorliegende Buch könnte man leichthin als einen weiteren Literaturkanon abtun, aber das ist es nicht. In jedem Kapitel bringt Markus Gasser dem Leser entweder das Leben des Autors, den Inhalt des betreffenden Romans oder gar beides näher. Und das immer auf hervorragende, wortstarke Art und Weise.
Durch die Form eher ein Sachbuch, liest sich das Werk trotzdem genauso flüssig und unterhaltsam wie ein Roman. Und macht in den meisten Fällen Lust, den vorgestellten Roman tatsächlich zu lesen, wenn man das nicht schon getan hat.

Gassers Weltgeschichte führt den Leser unter anderem ins Ägypten 1350 vor Christus (Thomas Mann’s „Joseph und seine Brüder“), nach Troja 1250 v.C. (Homer: „Ilias“), ins Rom zu Caesars (Thornton Wilder: „Die Iden des März“) und zu Neros Zeiten (Henryk Sienkiewicz: „Quo vadis“), bevor es zeitlich gesehen weitergeht mit dem Mittelalter. Umberto Eco’s „Das Foucaultsche Pendel“, was im 12. Jahrhundert in Jerusalem unter anderem handelt, wird abgelöst von der Besiedelung Grönlands (Jane Smiley: „Die Grönland-Saga“), worauf Mark Twain’s „Persönliche Erinnerungen an Jeanne d’Arc“ den Leser ins Frankreich des 15. Jahrhunderts mitnehmen. So geht es munter weiter mit der Eroberung Mexicos (16. Jahrhundert), der das Jahrhundert der Intrigen in England zeitgleich gegenübergestellt wird (Hilary Mantel: „Falken“). Weiter geht es mit John Banville’s „Kepler“ nach Prag um 1600 und im 17. Jahrhundert in die Niederlande zur Zeit Jan Vermeers (Tracy Chevalier: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“). Über London 1721 und Paris 1786 weiter nach Moskau 1812 (Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“), anschließend über China und England zur großen Hungersnot im irischen 19. Jahrhundert (Liam O’Flaherty: „Zornige grüne Insel). Im gleichen Jahrhundert auf der anderen Seite des Ozeans bekleckern sich die Texaner im Kampf gegen die Comanchen nicht mit Ruhm und der vorgestellte Roman (Philipp Meyer: „Der erste Sohn“) bringt, wenn man dem Kapitel Glauben schenken darf, viele Details vom Skalpieren und ähnlich brutalen Handlungen.
Weiter geht es – nach wie vor im 19. Jahrhundert – einmal nach Indien (James Gordon Farrell: „Die Belagerung von Krishnapur“) und wieder zurück nach Amerika (Toni Morrison: „Menschenkind“), bevor das 20. Jahrhundert auf verschiedenen Kontinenten beleuchtet wird. Unter anderem mit Stefan Zweig’s „Ungeduld des Herzens“ und Mario Vargas Llosa’s „Das Fest des Ziegenbocks“.

Hin und her geht es also in dieser „Weltgeschichte in 33 Romanen“, von A nach Y und zurück nach C. Dafür zeitlich gesehen in chronologischer Abfolge, die einen roten Faden bildet.

Ein Zitat, dass meiner Meinung nach das Konzept dieses Werkes sehr gut zusammenfasst, findet sich bereits im ersten Kapitel:

„Man glaubt, man hätte nur ein Leben; dann öffnet man ein Buch, tritt ein, hängt ein Schild vor die Tür, „Bitte nicht stören, bin auf Zeitreise“ – und schon hat es einen mitten hineinverschlagen in die fernsten Epochen, als gehörten sie unserer privaten Erinnerung an. Wir sind, so heißt es, die Geschichten, die wir von uns erzählen können; mit jedem Buch wächst uns eine neue zu, und nur die Kürze unseres Daseins verhindert, daß wir die gesamte Menschheit in uns versammeln.“ (Markus Gasser, (im eBook: „Seite“ 12-14 von 264))

Mein persönliches Fazit:
Ich muss gestehen, dass ich bislang keinen einzigen der 33 vorgestellten Romane gelesen habe, was mich ein wenig erschrocken hat, war ich doch gespannt darauf, was ich schon kennen würde und was noch nicht. Das lokale Hin und Her empfand ich zeitweise als etwas chaotisch, aber die chronologische Reihenfolge machte natürlich Sinn. Ich bekam so einige Leseanregungen für mich persönlich; so möchte ich gern Marc Twain’s Roman über Jeanne d’Arc einmal lesen oder auch den über Kepler von John Banville. Auch „Drop City“ von T.C. Boyle scheint mir nach der Gasser-Lektüre sehr lesenswert zu sein, wenn man in der Hippiezeit über „If you’re going to San Francisco“ hinauskommen will. Sieben weitere Romane hab ich mir als „vielleicht mal lesen“ in meinen Notizen markiert, bin also etwa von einem Drittel der von Markus Gasser auf diese geniale Art vorgestellten Romanen begeistert. Wenn das mal keine Ausbeute ist!

Definitiv eine Leseempfehlung meinerseits, wenn Du literarisch oder historisch interessiert bist, Neues zu entdecken.

Markus Gasser: „Eine Weltgeschichte in 33 Romanen“, Carl Hanser Verlag München 2015. ISBN des gelesenen eBooks: 978-3-446-25012-3 (264 Seiten), ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-446-24919-6 (304 Seiten).

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