[Rezension] Der Geschichtensammler

Der GeschichtensammlerRasmus liebt Emmi. Wann genau das anfing, weiß er gar nicht so genau, die beiden kennen sich schon aus frühester Kindheit. Als er während der Pubertät ein blasser Bücherwurm war, sah Emmi das Besondere in ihm. Sie schaut hinter die Fassaden der Menschen; entdeckt tiefe Trauer hinter brüllender Wut oder sieht Angst, die mit herrischer Strenge kaschiert wird.

Aber es sind schlechte Zeiten für eine junge Liebe. Im zerstörten Berlin toben Ende April 1945 noch immer die Schlachten zwischen Trümmerbergen und Ruinen, obwohl der Krieg längst verloren ist.

Rasmus ist als Flakhelfer mittendrin, kommt immer wieder knapp mit dem Leben davon. Da er geschworen hat, Emmi nie wieder im Stich zu lassen, will er sich auf Biegen und Brechen zu ihr durchkämpfen. Es wird eng. Erwin, der gerade an diesem Tag Geburtstag hat, rettet ihm das Leben. Als Rasmus endlich beim Humboldtbunker ankommt, wo er Emmi vermutet, ist dieser auch zerstört, der Kampf vorüber. Russische Soldaten stehend lachend in Gruppen herum, Gefangene drängen sich dich zusammen. In einem gewagten Manöwer ermöglicht Rasmus einer Gruppe gefangener Frauen die Flucht in der Hoffnung, Emmi sei unter ihnen.

Doch als er sie später trifft bei der Millionenbrücke, die auch nur noch teilweise intakt ist, will Emmi nach all den schrecklichen Erlebnissen ihrem Leben ein Ende setzen. Unter großer Anstrengung ringt Rasmus Emmi das Versprechen ab, dass sie sich zumindest einhundert Tage noch gibt und bringt sie in einer Ruine in Sicherheit, bevor er selbst von den Russen gefangen genommen wird. Als er aus der Bewusstlosigkeit wieder aufwacht, liegt er bereits auf einem russischen Militärfahrzeug, dass ihn mit etlichen anderen in die Kriegsgefangenschaft bringen soll. Immerhin trifft er wieder auf Erwin und ist nicht ganz allein.

Wird er in hundert Tagen wieder in Berlin sein und Emmi vom Leben überzeugen können? Die Zeit drängt!

Der Roman ist derart spannend geschrieben, dass ich ihn in für meine Verhältnisse sehr kurzer Zeit durchgelesen habe. Thomas Franke hat – wie auch in dem Vorgänger „Das Haus der Geschichten“ – immer wieder skurrile Kurzgeschichten mitten in den Roman gepflanzt, die einzelne Gedankengänge verdeutlichen, interpretieren oder bildlich greifbar machen. In diesem Roman finden sich die Geschichten in einem kleinen Notizbuch, das der geheimgehaltene Schatz von Erwin ist. Am meisten berührte mich die Geschichte „Die Brille“ ab Seite 66, bei der eine geheimnisvolle Brille ihren jeweiligen Träger in die Lage versetzt, tiefer zu blicken, Bedeutendes wahrzunehmen und auf mysteriöse Weise genau das Richtige zu sagen ohne selbst zu wissen, woher genau die Worte plötzlich kommen. Allerdings ist jede einzelne der Geschichten genaues Lesen definitiv wert.

Insgesamt wird die Handlung linear erzählt, aber immer wieder von Rückblenden und eben den eingestreuten Geschichten unterbrochen. Die Figuren sind glaubwürdig und wir lernen nicht nur die Hauptfigur Rasmus sehr gut kennen, sondern auch einige der Menschen, denen während der Kriegsgefangenschaft begegnet. Seien es Hans oder sein Vater Otto, die in der Antifa organisiert sind oder zum Beispiel die herzensgute Ärztin Dr. Rivka, Tante Walli mit ihren Weisheiten oder Fritz Kupilas, der eine interessante Wandlung vollzieht.

Alles in Allem kann ich den „Geschichtensammler“ besten Gewissens jedem empfehlen, der spannende Romane und literarische Kurzgeschichten mag.

Thomas Franke: „Der Geschichtensammler“, Gerth Medien 2015. 347 Seiten. ISBN 978-3-95734-043-6

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