[Rezension] Das Jahr des Rehs

Ein Buch, das ich kürzlich von einer Freundin geschenkt bekam und sehr genossen habe, möchte ich Euch – vor allem den Leserinnen – sehr ans Herz legen:

Titelbild

Das Jahr des Rehs – Cover

„Das Jahr des Rehs“ von Stephanie Jana und Ursula Kollritsch.

Bella findet im Internet plötzlich Bine wieder, die zu Schul- und Studienzeiten ihre beste Freundin war. Bella selbst lebt inzwischen in Berlin mit ihrem pubertierenden Sohn Mischa, dessen Vater
Andrej meist abwesend ist und arbeitet als Freie Journalistin. Bine ist wieder in der Heimat gelandet, in der hessischen Kleinstadt Engbach, wo sie als Archtektin arbeitet und mit dem Mathelehrer Peter verheiratet ist – Eigenheim, zwei Kinder, zwei Hunde.
Bella schreibt eine Email – in der Hoffnung, dass Bine wirklich DIE Bine ist, von der sie seit 17 Jahren schon nichts mehr gehört hat.
Es entspinnt sich ein reger Emailverkehr zwischen den ehemals besten Freundinnen, die nun mit etwa vierzig Jahren merken, wie sehr sie einander vermisst haben und die neugewonnene geistige Nähe sehr genießen. Sie philosophieren, teilen ihren Alltag mit all den kleinen und großen Herausforderungen und Freuden miteinander und begleiten einander auch bei großen Veränderungen, die plötzlich anstehen. Zwischendrin immer wieder Literatur- und Musiktipps, die mal schmunzeln lassen und mal neugierig auf die genannten Künstler oder Autoren machen.

Mich persönlich hat das Buch sehr berührt. Vielleicht, weil ich auch so eine beste Freundin aus Schulzeiten habe, mit der der Kontakt recht selten geworden ist durch veränderte Orte und Lebenssituationen und all die Herausforderungen, die unsere Leben so mit sich bringen. Irgendwas ist immer, heißt es doch – tiefe Kontakte zu pflegen ist da nicht immer einfach.

Früher gab es den Briefroman, heute also den Emailroman. Nicht mehr ganz neu, das Format, aber ich denke dann immer wieder daran, dass ich Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ schon immer mal lesen wollte.
Ein wenig störend im Lesefluss fand ich die Email-Kopfangaben schon: Von, An, Datum, Uhrzeit, Betreff.
ABER ich gestehe: So manches Mal blätterte ich beim Lesen kurz zurück um zu prüfen, zu welcher Uhrzeit eine Mail geschrieben wurde oder wie viele Tage zwischen der aktuellen und der vorher geschriebenen Mail vergangen waren.
Die Nähe, die die Autorinnen über die gewählte Form transportieren, ist sehr stark. Als Leser kann man eintauchen, direkt dabei sein, mitfiebern und -hoffen.

Ein Hoch auf die Freundschaft ist das Buch und macht Lust, sofort der (besten) Freundin zu schreiben.
Als Plus empfinde ich zudem den „Soundtrack zum Buch“ auf Seite 262, der, wenn man ihn tatsächlich am Ende erst liest, einen an so manche toll geschriebene Szene zurückdenken lässt. Auch das „Making of“ kann sich sehen lesen lassen. Hier wird beschrieben, dass der Roman das Ergebnis eines Experiments ist, das die Frauen sich durchzuführen vorgenommen hatten – und wie das Ganze genau war.

Die Autorinnen sind selbst beide Ende 30 / Anfang 40 und wohnen laut Verlagsinformation in Bonn und Bad Honnef. Eine erfolgreiche Testlesung gab es daher im Bonner „Lindenhof“ im Dezember 2014, über die Ihr hier lesen könnt.

Ein paar kommentierte Lieblingssätze:

„Er spielt Schlagzeug und Gitarre, und – das kann ich mit objektivem Mütterstolz sagen – er ist grandios, wahrhaft begabt, mein Junge.“ (S. 30)
Welche Mama kennt diesen „objektiven Mütterstolz“ nicht??? 😉 Sie sind doch immer wieder toll, die Großen Kleinen!

„Manchmal denke ich in der Hektik und Schnelllebigkeit der heutigen Zeit: Haltet die Welt an! Es kann doch nicht alles und jeder einfach immer so weiterrasen, als wäre nichts geschehen, als gäbe es keinen Schmerz, keinen Verlust, keine Krankheit und keinen Tod, als müsse man nicht auch mal innehalten und ruhig werden, die Seele nachkommen lassen, um den Fluss des Lebens zu begreifen.“ (S. 36f)
Dazu fällt mir direkt ein toller Song ein: „Halt die Welt an“ von MEKMC – kennt Ihr das schon? Gibt’s definitiv bei iTu**s, hört doch mal rein! Und ein älterer Blogpost, den es hier zu lesen gibt. Schnelllebige Online-Welt statt „guter alter Zeit“. 😉

Empfehlen würde ich den Roman wohl nahezu jeder Frau, vielleicht ab 20 Jahren etwa. Wenn wir ehrlich sind, machen wir uns während der Pubertät noch nicht sooooooo viele schwerwiegende Gedanken, die über das Lebensalter von 30 hinaus gehen, da könnte das Verständnis bei jüngeren Leserinnen fehlen. Andererseits: Welche Frau hat oder wünscht sich keine beste Freundin – egal, wie alt sie gerade ist?

Tipp: Momentan haben die beiden ein paar Lesungstermine, die man auf der Verlagshomepage finden kann.

Details: Stephanie Jana & Ursula Kollritsch: „Das Jahr des Rehs“, List Taschenbuch 2015, ca. 260 Seiten. ISBN 978-3-548-61286-7

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