[Rezension] Nachtauge

Endlich aus Bücherschrank und Folie befreit und gelesen: „Nachtauge“ von Titus Müller. Warum habe ich damit nur so lange gewartet???
Hab mich lang nicht ran getraut, weil ich dachte „2. Weltkrieg – ach, nö…“ Schweres Thema, an dem man sich irgendwann ja mal überhört hat…
Nun also die etwa 470 Seiten gelesen und ich bin begeistert! Natürlich ist die Historie da und wird beim Lesen stark spürbar. Aber eben anfassbar, nicht wie in Geschichtsbüchern oder –unterricht oder in den zahlreichen Dokumentationen, die gefühlt ständig auf irgendeinem deutschsprachigen Fernsehsender ausgestrahlt werden.

Titus Müller ist Jahrgang 1977, geboren in Leipzig. Er gründete 1998 die Literaturzeitschrift „Federwelt“, hat inzwischen einige historische Romane veröffentlicht (zuerst „Der Kalligraph des Bischofs“, 2002; zuletzt „Der Schneekristallforscher“ 2013) und außerdem auch andere Bücher, wie zum Beispiel „Glück hat tausend Farben“ (2012). Im Mai diesen Jahres wurde er sogar in den PEN-Club aufgenommen. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in München.

Hauptfiguren:
Eric Knowlden lebt in England und verfolgt als MI5-Agent die deutsche Spionin „Nachtauge“. Leider ist sie Eric und seinen Leuten immer einen Schritt voraus. Erics Frau macht sich große Sorgen um ihren Mann, der jobbedingt immer wieder in Lebensgefahr schwebt. Ihr wäre es am liebsten, er würde etwas anderes tun, um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen.
Georg Hartmann führt ein Lager von Zwangsarbeiterinnen in Neheim. Eigentlich ist er Lehrer mit Leib und Seele, aber in Kriegszeiten ist eben alles anders. Glücklicherweise konnte ihm sein Schwager Axel, der bei der Gestapo arbeitet, diesen „kriegswichtigen Posten“ als Lagerleiter beschaffen, da er sonst vermutlich schon längst an irgendeiner Front gefallen wäre mit seinen 31 Jahren. Er versucht so gut es geht, den Zwangsarbeiterinnen zu helfen, fordert Verbesserungen, schreibt Beschwerden, bringt ihnen verbotene Literatur mit, damit sie im Kopf nicht total einrosten bei diesen schlechten Lebensbedingungen. Dass er „nicht auf Parteilinie ist“ bleibt natürlich nicht verborgen, sodass Georg permanent in der Gefahr schwebt, entdeckt und verraten zu werden. Als er sich in Nadjeschka, eine Ukrainerin verliebt, wird es kompliziert. Auch Nadjeschka entwickelt Gefühle für ihn. Als sie jedoch mit einer anderen Zwangsarbeiterin zusammen flieht, ist Georgs Enttäuschung und die Aufregung in Neheim riesig.
Axel Rottländer hat mit seiner Frau Anneliese zwei Kinder, Lilli und Siegfried. Aber wirklich Zeit für die Familie hat auch er nicht, schließlich muss er als Inspektor der Gestapo einen Täter kriegen, der mit guten Witzen die Deutschen versucht, zum eigenständigen, kritischen Denken anzuregen. Diese versteckt er in Streichholzschachteln und lässt sie zum Gefunden-werden irgendwo liegen, meist erfolgreich. Axel müht sich redlich, kommt ihm aber kaum auf die Schliche. Aber es gibt natürlich genug anderes zu tun. Und er muss aufpassen, dass gewisse Dinge nicht an die Öffentlichkeit gelangen, damit sein sowieso schon leicht angeschlagener Ruf nicht vollends ruiniert wird. Eines Tages fasst er den Entschluss, gegen Georg hart durchzugreifen.

Was passiert:
Der Roman handelt 1943. Der Zweite Weltkrieg ist im vollen Gange, die Deutschen kämpfen an Fronten im Osten, sind aber längst nicht mehr so erfolgreich wie es in der Propaganda gern dargestellt wird. In England wird eine neuartige Rotationsbombe entwickelt und ein speziell zusammengestelltes Geschwader der Royal Air Force übt heimlich und bestmöglich abgeschottet, nachts tief zu fliegen. Sie wollen die Möhnetalsperre in Deutschland bombardieren, um so den Kriegsverlauf zu beeinflussen. Wenn es gelingt, könnte dieser Erfolg alles verändern!
Wenn nur „Nachtauge“ nicht wäre! Die Piloten werden zwar immer wieder vor hübschen Frauen gewarnt, die sie in Kneipen versuchen würden auszuhorchen, aber der Erfolg der Warnungen ist nicht unbedingt gegeben. Je näher die geheime Operation rückt, desto dringlicher muss Eric Nachtauge finden, was sich als sehr schwierig herausstellt. Wenn die aber die Pläne durchschaut und die Deutschen vorwarnt, ist alles vergebens.

Fazit:
Ein sehr spannend geschriebener Roman, den man am liebsten nicht aus der Hand legen will.

Titus Müller: „Nachtauge“, Karl Blessing Verlag 2013. ISBN 978-3-89667-458-6

Aktuelle Lesungstermine findet Ihr unter www.titusmueller.de/deutsch/lesungen.html

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