[Rezension] Aller Liebe Anfang

Bücher können beruhigen, freundschaftliche Begleiter sein. Wir als Leser gewinnen die Figuren lieb und sind traurig beim Abschied.

Dieser Roman wühlt auf.

Im Mittelpunkt steht Stella, die mit ihrem Mann Jason und der kleinen Ava in einem kleinen Häuschen in netter Umgebung lebt. Ava geht zum Kindergarten, Jason ist als Architekt fast ständig unterwegs, Stella kümmert sich als Krankenschwester um pflegebedürftige Menschen in deren Zuhause. Die Arbeit gefällt ihr, alles scheint okay. Die beste Freundin Clara ist ebenfalls im Familienleben angekommen, wohnt aber sehr weit weg. Beide pflegen ihre Freundschaft per Telefon und Brief und Clara scheint, trotz aller Entfernung, ein fester Anker in Stellas Leben zu sein. Die Erinnerung an gemeinsame WG-Zeiten in einem Leben vor dem jetzigen.
Plötzlich steht jener Fremde in dieser Idylle. Vor dem Gartentor, während Stella allein zuhause ist. Er klingelt, sie öffnet jedoch nicht. Vielleicht aus einer Vorahnung heraus. Über die Gegensprechanlage lässt er sie wissen, dass sie ihn zwar nicht kenne, er sie aber vom Sehen sehr wohl. Er wolle mit ihr reden. Mr. Pfister ist ein typischer Jedermann, glänzt vor allem durch Unauffälligkeit.

Die Geschichte lebt von der Abwechslung: Die beunruhigenden, bedrohlichen Szenen mit Mr. Pfister wechseln mit beruhigend alltäglichem Leben. In das Mr. Pfister aber immer mehr eindringt.

Sprachlich überzeugt Frau Hermann einmal mehr. Die Geschichten aus „Sommerhaus, später“ (1998) und „Nichts als Gespenster“ (2003) liebte ich sehr. Vor allem die langen Schachtelsätze, die manche eigene kleine Welt bildeten. „Alice“ (2009) überraschte im Anschluss mit dem totalen Gegensatz. Kurze Sätze, viele Punkte. Wenn Welten, dann nur kleine. Und nun ein erster Roman.
Eine oder zwei Wochen vor dem Veröffentlichungsdatum bekam ich Wind davon, bestellte im Buchladen meines Vertrauens sofort mein Exemplar vor. Was für eine Aufregung! Ein ganzer Roman aus der Feder von Judith Hermann! Ob sie es schafft, sprachlich über so eine Strecke zu brillieren? Oder kann das nur in Geschichten funktionieren?

Sie hat es geschafft. Immer wieder Sätze, die einfach verzaubern. Ob die Zigarette „exaltiert knistert“ (S. 154) oder Menschen „auf dem Weg in den noch ungewissen Tag“ sind (S. 111) – in „Aller Liebe Anfang“ kommen Wortliebhaber gewiss auf ihre Kosten.

Judith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag, 2014. ISBN 978-3-10-033183-0

P.S.: Wer mehr fürs Hören als fürs Selber lesen ist… Aktuell finden sich auf Frau Hermanns Homepage einige Lesungstermine. Vielleicht ist ja was Passendes dabei?

Aller Liebe Anfang

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