[Rezension] Briefe in die chinesische Vergangenheit

Herbert Rosendorfer, 1934 geboren, studierte erst an der Akademie der Bildenden Künste in München, später Jura. Arbeitete dann als Richter in Naumburg an der Saale und veröffentlichte zahlreiche Bücher, wie zum Beispiel „Ballmanns Leiden“ (1981) oder „Ein Liebhaber ungerader Zahlen“ (1994).
Im vorliegenden Roman – „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ – wird ein chinesischer Mandarin aus dem 10. Jahrhundert per „Zeit-Reise-Kompass“ ins 20. Jahrhundert versetzt. Allerdings nicht, wie geplant, am gewohnten Ort, sondern er landet in „Min-chen“. Zwischen dem 10. Juli des einen bis zum 24. Februar des darauf folgenden Jahres schreibt er von dort 37 Briefe an den daheim gebliebenen Freund Dji-gu, in denen er seine Eindrücke und Studien aus der lauten Welt der „Langnasen“ weitergibt. Die Briefe werden an einem „Kontaktpunkt“ abgelegt, der die Verbindung zwischen den beiden Zeiten und Orten herstellt.
Der Roman ist sehr amüsant zu lesen – gerade das Wiedererkennen für uns gewohnter Sachverhalte und Erlebnisse aus dieser ungewöhnlichen Perspektive lädt immer wieder zum herzhaften Lachen ein. Ebenso aber zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen unserer Kultur, Handlungsweisen und Ansichten.
Unser Fortschrittsglaube wird genauso beleuchtet wie unser Umgang mit der Zeit – teilweise wird Rosendorfer richtig philosophisch bei einzelnen Themen.

Auszüge:

„Die Großnasen und Riesen, die mich umringten – beruhige Dich: es sind keine Riesen; alle Leute „hier“ sind größer, als wir es gewohnt sind -, schrien mit furchtbaren lauten und tiefen Stimmen durcheinander. Hättest Du die Szene in einem Traum erlebt, hättest Du gemeint, in einen Haufen streitender Dämonen geraten zu sein. Offensichtlich redeten sie über mich. Da sie so brüllten – ich wußte zu dem Zeitpunkt noch nicht, daß die Leute hier immer brüllen -, fürchtete ich, es könnte im nächsten Augenblick eine Prügelei unter ihnen ausbrechen. […]
Sie prügeln sich selten, auch nicht solche niederen Standes. Es kann natürlich sein, daß sie sich in der Öffentlichkeit nicht prügeln und solche Tätigkeit in ihren Häusern betreiben. Ich kann mich noch viel zu wenig in der hiesigen Sprache ausdrücken, um Herrn Shi-shmi danach zu fragen. Sie prügeln sich nicht, aber sie brüllen. Sie brüllen immer, alle. Es hat nichts zu bedeuten. Freilich, man muß ihnen zugute halten, daß sie bei dem Lärm, der ständig hier herrscht, gar nicht in normaler Lautstärke reden können. Da würde sie niemand verstehen. Kannst Du Dir ein Leben vorstellen, lieber Freund Dji-gu, das darin besteht, ständig den Tag und Nacht herrschenden Lärm zu überschreien? Du kannst es Dir nicht vorstellen. Die Zukunft, lieber Freund Dji-gu, ist ein Abgrund. Aber ich lebe noch.“ (S. 13f, aus dem dritten Brief)

„Selbst wenn aber keines dieser A-tao in Sicht ist, wagt niemand, die Straßen zu betreten. Diese Teufelsdinger sind so schnell da, daß auch dem Behendesten keine Zeit bleibt, auf die Seite zu springen.“ (S. 16f, Brief vier)

„Herr Shi-shmi hat, wie schon erwähnt, weder Frau noch Konkubine. Sehr merkwürdig. Dabei ist er weder Bettler noch Mönch, noch Säufer.“ (S. 33, Brief sechs)
„Herr Shi-shmi hat, ich schrieb es schon, weder Frau noch Konkubine, hat keinen Diener und kein eigenes Haus für sich. Er bewohnt mit unzähligen anderen Leuten ein schwindelerregend hohes Haus, das in einzelne über- und nebeneinandergelegene Klein-Häuser gegliedert ist. Ständiger Lärm durchtost das Haus.“ (S. 35, Brief vier)

„Denn eines, teurer Dji-gu, ist mir klargeworden, was nicht Du und nicht ich gewußt haben, und was uns allen unvorstellbar ist: die Welt wandelt sich. Sie nennen es hier Fort-Schritt. Schon ein sehr entlarvendes Wort – ich habe es Dir wörtlich übersetzt. Fort-Schritt – der Schritt, der fort führt. Man möchte meinen, das sei etwas Bedauerliches, wenn man aus der gewohnten, gewöhnten, vielleicht geliebten Umgebung fortschreitet. Aber nein: sie – die Großnasen hier – finden ihren Fort-Schritt wünschenswert und sogar tugendhaft.“ (S. 67, Brief zehn)
„Du siehst: sie schreiten fort. Wohin schreiten sie? Ich habe den Verdacht, sie wissen es nicht. Jedenfalls, scheint es mir, sie schreiten fort von sich selber.“ (S. 69, Brief zehn)
„Die Großnasen kennen keinen Kreislauf. Die Großnasen glauben verbissen daran, daß alles sich ständig ändern muß, und selbst die Vernünftigeren sind nicht von der Meinung abzubringen, daß, wenn etwas sich ändert, es auch besser wird. Hat die Welt schon so einen Aberglauben gesehen? Dabei bräuchte man nur die unverwüstlichen Gesetze der göttlichen Mathematik anzuwenden. Wenn Du eine Münze in die Höhe wirfst, steht die Chance 1:1, mit welcher Seite sie nach oben zu liegen kommt, wenn sie herunterfällt. Wenn ich – sei es im Privatleben, sei es im Staatswesen – etwas ändere, steht die Chance 1:1, ob das Neue besser oder schlechter ist als das Gewesene. Das, meint man doch, leuchtet dem Dümmsten ein. Nicht so den Großnasen. Sie sind davon nicht abzubringen, daß das Neue immer zwangsläufig besser ist als das Alte.“ (S. 71, Brief zehn)

„Es ist ein altes Gesetz, daß unterteilte Dinge kleiner sind als das Ganze. Das ungeteilte Ganze ist größer als die Summe der Teile. Zumindest gilt das, habe ich hier gelernt, in hohem Maß von der Zeit. Geteilte Zeit vergeht rasch. Die Großnasen haben ihre Zeit erbarmungslos zerhackt, und die Zeit rächt sich damit, daß sie entflieht, so schnell sie kann. Und darüber wundern sich die Großnasen ständig.“ (S. 111, Brief vierzehn)

Herbert Rosendorfer: „Briefe in die chinesische Vergangenheit“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1986 (22. Auflage Mai 1995) ISBN 3-485-00631-9 bzw. 3-423-10541-0

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