Auszugsweise: Die Brillenmacherin

Hier ein paar Zeilen aus dem Roman, den ich gerade las. Die haben mich echt umgehauen!

„Seht mich an!“ rief der Alte. „Ich war Professor der Heiligen Schrift in Oxford, ein angesehener Mann, um Rat gebeten von den Einflussreichen, bewundert von den Studenten, mit einer hervorragenden Bibliothek ausgestattet und von der Kirche mit Freundlichkeit überschüttet. Denkt ihr, es ist mir leichtgefallen, das aufzugeben? Ich habe es getan.“ Er senkte die Stimme. „Für die Wahrheit. Für die Wahrheit allein.“
Es wurde still im Kirchenschiff. Draußen auf dem Dach krächzten die Krähen.
„Ich habe erkannt, dass die Kirche sich von Gott abgewendet hat. Sie bemüht sich um Einfluss in der Landesregierung, sie besetzt Posten in den königlichen Ämtern, bei den Herzögen und bei den Earls. Die Christenheit schläft währenddessen einen tiefen Schlaf. Es ist Zeit aufzuwachen! Tausend Jahre haben wir es erduldet, dass uns das Wort Gottes in Latein gepredigt wurde, dass es zum Geheimnis wurde, weil das Volk kein Latein kannte. Hört, was Gott sagt, lasst mich das Geheimnis lüften und in englischer Sprache zu euch reden: >Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchst<, sagt er im fünften Mosebuch, >so wirst du ihn finden, wenn du ihn ehrlich und von ganzem Herzen suchst.< Er ist kein Gott der Priester, er ist ein Gott aller Menschen!“ Anne spürte in sich eine Sehnsucht erwachen wie frische Liebe. Es beschleunigte ihren Atem, es machte sie traurig, furchtbar traurig. Gott suchte sie! Sie war in diese Kirche geraten, weil sie hören sollte, was der Alte sagte. Durch ihn sprach Gott, und er redete mit Ihr, Anne. (Titus Müller: „Die Brillenmacherin“, Rütten & Loening Berlin, 2005. ISBN 3-352-00717-9)

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